Zu Gründerzeiten wollten die Portale von Google nichts wissen
Google: Feiern unterm Papp-Vulkan

Vom Uniprojekt zum weltweiten Link-Imperium: Der Aufstieg der Suchmaschine Google ist auch in Krisentagen ein Märchen der Neuen Wirtschaft.

Es begann mit einem Flüstern in den Kabuffs einiger Profisurfer. Von dort aus pflanzte sich der Tipp per Erzählung und E-Mail fort in die Büros deutscher Internet-Firmen, um schließlich zu einem ehrfürchtigen Raunen der gesamten Netz-Gemeinde vom Schüler bis zum Topmanager anzuwachsen. Spätestens damit war Google etabliert, als Suchmaschine ebenso wie als Firma. Wie schon bei Hotmail oder Napster hatte die Maus-zu-Maus-Propaganda ihr Potenzial bewiesen.

In diesen Tagen meldete der Surf- Statistiker Netvalue sogar, die Suchmaschine habe in Deutschland die Marktführerschaft (16,6 %) bei reinen Suchdiensten übernommen, Portale wie Lycos oder T-Online freilich ausgenommen. Vielsurfer wie der Startup-Chef Frank Lichtenberg von Snacker.de oder Lars Andersson, Mitgründer des Spray- Portals aus Schweden, bekunden lautstark ihre Begeisterung und "benutzen nichts anderes mehr."

Nutzergemeinde wächst und wächst und wächst...

Und sie sind nicht allein: Nach Angaben der Marktforscher von Nielsen Netratings hat sich die Zahl der Google-Besucher in Deutschland im letzten halben Jahr mehr als vervierfacht. Selbst ein direkter Konkurrent wie Kai Matthiesen, Deutschlandchef des 1995 gestarteten Suchpioniers Altavista, muss loben: "Was Google da geleistet hat, ist sehr beachtlich."

Was aber hat Google geleistet? Es ist eine Suchmaschine, eine Suchmaschine und nichts als eine Suchmaschine. Fast entspannend wirkt die weiß hinterlegte Seite ohne schrille Werbung oder verwirrende Bilder. Sie baut sich schnell auf, Bedienungsfehler sind so gut wie ausgeschlossen. Das brachte Lob von Design-Gurus wie Jakob Nielsen: Gute Angebote zeichneten sich dadurch aus, "dass sie auch beim letzten Detail sicherstellen, dass es einfach ist. Sie orientieren sich daran, was die Leute auf ihren Seiten tun."

Diesen Anspruch erfülle Google vorbildlich, sagt Nielsen. Selten dauert eine Suche länger als eine Sekunde. Etwa 70 Mill. Abfragen pro Tag werden bei Google mit einem Netz aus fast 9 000 einzelnen, handelsüblichen PC bearbeitet. Verbunden sind sie mit dem freien Betriebssystem Linux, der Konkurrenz von Microsofts Windows.

Nutzerzufriedenheit ist groß

Großer Vorteil: Die Treffer von Google stellen Surfer eher zufrieden als die Suchergebnisse der Konkurrenz. Denn die Kalifornier bewerten die Resultate nach dem Ruf der Anbieter - und über den entscheiden die Surfer selbst: Wesentliche Kriterien für die Reihenfolge der Treffer sind, wie häufig andere Nutzer die gleichen Ergebnisse angeklickt haben, und wie oft von anderen Seiten auf sie verwiesen wird. Manipulierte Platzierungen bei definierten Suchanfragen macht das erheblich schwieriger.

Mit dem Kauf der Deja-Einträge, einem Dienst, bei dem Surfer seit 1995 private Tipps und Kommentare zu tausenden Themen hinterlassen haben, erschloss Google auch diesen Schatz des Wissens. Seit kurzem ist die systematische Suche in den gut 500 Mill. Einträgen möglich. Im Internet selbst deckt die Firma nach eigenen Angaben 1,8 Mrd. Seiten ab - das wäre eine Reichweite von rund 50 %, während Konkurrenten nach Angaben von Statistikern kaum über 15 % kommen.

Selbst Dokumente im PDF-Format, oft Studien oder Präsentationen, sind mit Google zu finden. Und mit Hilfe einer Software lassen sich fremdsprachliche Texte übersetzen - freilich mit einigen Wortdrehern. Außerdem speichert Google Seiten, so dass sich Texte finden lassen, die nicht mehr online oder gerade nicht erreichbar sind.

Konkurrent Altavista hat Portal-Pläne beerdigt

Auch den Technologen des Autoherstellers BMW imponiert derartige Effizienz. Sie gingen auf das Startup aus Mountain View zu, um eine sprachgesteuerte Suche für Online-Anwendungen in Autos zu entwickeln. Vor wenigen Wochen vereinbarten der Zwerg und der Riese eine Kooperation. Den Ausschlag, so heißt es in München, haben "Reputation und Technologie von Google gegeben".

Konkurrent Altavista nähert sich dem Google-Prinzip denn auch an, obgleich der Dienst freilich beteuert, Änderungen aus eigenem Antrieb vorzunehmen. Jedenfalls ließ das Management vor wenigen Wochen sämtliche redaktionellen Inhalte, bis dahin unter anderem von Spiegel Online geliefert, rauswerfen. "Je zügiger der Surfer unsere Seite verlässt, um so zufriedener ist er", begründet Altavista-Mann Matthiesen die Abkehr von ehrgeizigen Portal-Plänen, die seine Firma einst hegte.

Noch ein Beispiel dafür, dass Google Schule macht, ist Jack Xu. Er ist Mitentwickler der Suchmaschine Excite, die neben Altavista 1995 als erster Dienst dieser Art startete. Heute ist Xu Cheftechniker bei Netscape und siehe da: An seinem neuen Arbeitsplatz votierte er gegen sein früheres Produkt und für Google, als es um die Suchfunktion in der Surf-Software von Netscape ging.

Ritterschlag durch Yahoo

Auch beim Portal Yahoo konnten die Kalifornier die Konkurrenz ausstechen und den früheren Marktführer Inktomi verdrängen. Die Google-Gründer Larry Page, 28-jähriger Computeringenieur und Vorstandschef, sowie Sergey Brin, 27-jähriger Mathematiker, feierten prompt eine Party im Hawaii-Stil mit Cocktails unter Papp-Vulkanen. Zu Recht, denn für ihre 1998 gegründete Firma kam der Auftrag des Erfolgsportals einem Ritterschlag gleich.

Zugleich barg er eine gewisse Ironie: Als die beiden Tüftler ihre Technologie in einem Projekt an der Universität in Stanford ausheckten, trauten sie sich die Gründung einer eigenen Firma eigentlich gar nicht zu. Sie putzten die Klinken mehrerer Portalbetreiber, um ihre Idee zu verkaufen. Erfolglos: "Die hatten andere Prioritäten", meint Brin, der heute Präsident des Startups ist.

Nun freut er sich am eigenen Unternehmen, dessen gut 200 Mitarbeiter in einem schmucklosen Zweckbau im Silicon Valley residieren. Derzeit suchen die Sucher auch in Europa und Asien geeignete Standorte, noch in diesem Jahr sollen ausländische Büros öffnen.

Prominente Kapitalgeber

Das Risikokapital für die Expansion kam vor genau zwei Jahren unter anderem von Sequoia Capital und Kleiner Perkins Caufield & Byers, dessen Partner John Doerr heute im Aufsichtsrat von Google sitzt. Außerdem investierten Privatleute in das Startup, darunter der Ex-Amazon-Manager Ram Shriram und Andy Bechtolsheim, Cisco-Vizepräsident und Mitgründer von Sun Microsystems.

Zuletzt stieß vor wenigen Wochen Eric Schmidt dazu: Der Vorstandschef der Software-Schmiede Novell und promovierte Ingenieur übernahm den Vorsitz im Aufsichtsrat und "investierte eine nennenswerte Summe". Mit seinem Doktortitel ist er bei Google übrigens in guter Gesellschaft: Gut ein Fünftel der Mitarbeiter verfügt über diese Weihen der Wissenschaft.

Tolle Technik, hohe Titel und große Namen - das deutet auf ein gutes Geschäftsmodell hin, muss es aber nicht. Und in der Tat liegt hier die Schwäche von Google. Über Umsätze schweigen sich die Dienstleister aus wie kaum ein zweiter, über Verluste erst recht. Einzig zum Börsengang gibt es eine klare Aussage: nicht geplant. Ebenso denkt Google nicht mehr daran, seine Technologie noch zu verkaufen. Sie wird lizenziert, an die "Washington Post", an Cisco oder eben Yahoo, was für etwa die Hälfte der Einnahmen sorgt.

Bewegte Bilder sind verboten

Die andere Hälfte erwirtschaftet die Firma mit Werbung. Banner oder sogar bewegte Bilder sind dabei verboten: Inserenten schalten reine Textanzeigen, damit die Leistung der Maschine nicht sinkt. Werbung ist von den Suchergebnissen getrennt, kann aber mit Suchabfragen inhaltlich verbunden werden.

Die Einnahmen aus Textanzeigen, so heißt es bei Google, liegen viermal höher als wenn Banner vermietet würden. Selbstbewusst betont Sergey Brin, die Firma werde im kommenden Quartal schwarze Zahlen schreiben. Auch Michael Moritz, Partner bei Sequoia, bestätigte das erst vergangene Woche.

Wenn das stimmt, und Googles Tüftler ihre Arbeit derart dynamisch fortsetzen, dann ist die Firma nicht nur wegen ihrer Technologie und Geschichte eine Besonderheit. Sondern auch aus einem weiteren Grund: Weil sie Gewinne macht.

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