Zu spät und halbherzig
Vizzavi fehlt die überzeugende Strategie

Vizzavi sollte Marktführer unter den Mobil-Portalen werden. Doch verspätet und ohne überlegene Idee gestartet, kommt es an die Großen nicht heran. Jetzt droht Ungemach durch die Probleme der Mutter Vivendi.

Die Messlatte lag hoch: Vizzavi sollte die mobile Version des weltweit erfolgreichsten Internet-Portals Yahoo werden. Das zumindest hatten sich Mutterkonzerne Vodafone und Vivendi Universal vorgestellt. Die Rechnung ist jedoch nicht aufgegangen - Anfang des Jahres klangen die Pläne für das Gemeinschaftsprojekt zwischen der britischen Mobilfunkgesellschaft und dem französischen Medienkonzern schon wesentlich kleinlauter: "Jetzt ist klar, dass wir mit Vizzavi in erster Linie auf exklusiven Inhalt setzen", sagte Vodafone-Vorstandsmitglied Julian Horn-Smith im Frühjahr.

Inzwischen zweifelt die Branche selbst an dieser Strategie und fragt, wie lange es das Portal überhaupt noch geben wird. Denn Vivendi steckt derzeit selbst in akuten Schwierigkeiten und hat für kleinere Projekte wie mobiles Internet wenig Zeit.

Vizzavi könnte zum Modellfall für die mobile Zukunft des Internet werden. Grundsätzlich sind die Aussichten gar nicht so schlecht, sagt Thomas Holtrop, Chef des großen Konkurrenten T-Online: "In der mobilen Welt gibt es nicht - wie im Internet - den Geburtsfehler der Kostenlos-Kalkulation. Pay-Modelle werden dort vom Markt akzeptiert", sagt er und bezieht sich dabei vor allem auf den unglaublichen Markterfolg der kostenpflichtigen SMS-Botschaften. T-Mobile umwirbt die Internet-Kunden mit T-Motion.

Bei Vizzavi hakt es an der Umsetzung

Doch bei Vizzavi hakt es bisher an der Umsetzung. Mit traditionellen Internet-Portalen kann das Joint-Venture von Vivendi und Vodafone nicht mithalten. Sein Anteil am Portal-Markt ist winzig, heißt es bei der Marktforschungsagentur Nielsen Netratings. "Vizzavi ist in unserem monatlichen Ranking ?Portale und Suchmaschinen? immer auf einem weit abgeschlagenen Platz", sagt Nielsen-Analyst Benedikt Grundemann-Falkenberg. "Das ist für uns kaum noch messbar."

Doch ohne Besucher keine Umsätze. Marktgrößen wie Yahoo oder T-Online kommen auf zweistellige Millionenzahlen - da kommen die anderen nicht mit. "Selbst starke Medienmarken liegen bei den Nutzungswerten weit hinter uns, weil wir die kritische Masse an Kundenverkehr haben", sagt T-Online-Chef Holtrop.

Das schlechte Abschneiden von Vizzavi erklären Branchenexperten unter anderem mit dem späten Start des Portals, das urprünglich Inhalte via Handy und Computer an die Leute bringen wollte. Nach mehreren Verzögerungen startete Vizzavi Deutschland erst im Dezember vergangenen Jahres. Kompetenz- und Strategiegerangel zwischen Vivendi, Vodafone und der gemeinsamen Tochter haben das Projekt weit hinter Konkurrenzangebote wie Zed von Sonera und T-Motion von T-Online zurückgeworfen.

Vizzavi fehlt ein überlegenes Produkt

Doch auch Nachzügler können erfolgreich sein, das zeigt die Suchmaschine Google. Die habe die Nutzer mit einer überlegenen Geschäftsidee überzeugt und sei so an der Konkurrenz vorbeigezogen, sagt Matthias Hornberger, Vorstand bei Web.de. "Vizzavi fehlt dagegen ein überlegenes Produkt", urteilt er. Das Portal startete im Internet mit dem üblichen Angebot: Schlagzeilen, Sportergebnisse, Finanzinformationen, Horoskope, Spiele. Der eigentliche Kick sollte sein, dass die Daten nicht nur über den Computer, sondern auch via Handy und interaktivem Fernsehen abgerufen werden konnten.

Doch der Plan wurde durch die Technik durchkreuzt: Neue, schnellere Mobilfunk-Technologien kamen längst nicht so zügig wie angekündigt, interaktives Fernsehen hinkt noch weiter hinterher in der Entwicklung. Web.de-Manager Hornberger sieht noch einen weiteren Grund für die Probleme des Konkurrenten: "Weder Vodafone noch Vivendi kommen ursprünglich aus dem Internet-Bereich. Alle bislang kommerziell erfolgreichen Dienste - etwa Amazon, Ebay und Yahoo - haben aber ihre Wurzeln im Internet".

Vizzavi begann als reines Zweckbündnis: An einem Sonntag im Januar 2000 traten Vodafone-Chef Chris Gent und der damalige Vivendi-Lenker Jean-Marie Messier vor die Kameras der Weltpresse und verkündeten die Gründung einer Internet-Allianz. Mit dem Coup konnte Gent den Poker um die Übernahme des deutschen Traditionskonzerns Mannesmann schließlich gewinnen. Denn Messier, der zuvor mit Mannesmann kooperieren wollte, wechselte die Fronten und stellte sich auf die Seite von Gent.

Erst Monate später füllten die beiden Konzerne ihren Internet-Pakt mit Inhalt. Grober Leitfaden: Vizzavi sollte Vodafone-Kunden dazu verlocken, ihr Handy mehr zu nutzen, und Vivendi wollte lukrative Absatzkanäle für neue Medieninhalte haben. Auch hier dominierte die Halbherzigkeit: Als es um die Online-Vermarktung von Musik ging, verbündete sich Messier lieber mit dem Giganten Yahoo, also dem Erzfeind des Portals Vizzavi. Aber bei Yahoo mit seinen Millionen Nutzern spielt nun mal die Musik im Internet.

Noch ist Kapital vorhanden

Eine Überlebenschance gibt es noch für Vizzavi: Die von beiden Partnern versprochenen 1,6 Mrd. Euro Startkapital sind noch nicht verbraucht. Die große Frage ist aber, ob Vivendis neuer Chef, Jean-Rene Fourtou, Vizzavi in Zukunft unterstützen will.

Vodafone will offenbar an Vizzavi festhalten. Bei dem britischen Konzerns heißt es: "Vizzavi ist sehr wichtig für die Kundenansprache von Vodafone." Das Portal ist immerhin in weiten Teilen exklusiver Inhaltelieferant, etwa im Wap-Bereich und bei SMS-Infos. Man sei sich bewusst, dass es "weiteren Finanzierungsbedarf" gebe, und Vodafone stehe auch dazu, sagt ein Konzernsprecher. Soweit die offizielle Version.

Aus dem Umfeld des Konzerns heißt es dagegen: Man hätte kein Problem damit, das Portal-Geschäft in den Konzern zu integrieren und sich damit von Vizzavi als eigenständigem Unternehmen zu verabschieden. Mit nur noch einem Eigentümer könnte es Vizzavi vielleicht noch schaffen, den Weg des Konkurrenten T-Online zu beschreiten. Die Internettochter der Deutschen Telekom setzt auf offene Medienpartnerschaften. Gemeinsames Ziel: Geld verdienen.

Richtig reich geworden ist bei Vizzavi bislang nur einer, der Senegalese Abubacer Diop. Knapp 4 Mill. Euro musste Vivendi an Diop und seine Freunde zahlen. Sie hatten ein "Cyber-Café der Menschenrechte" namens vis@vis gegründet, lange bevor sich Vivendi und Vodafone nach langem Tüfteln auf den Namen Vizzavi geeinigt hatten. Da sich beide Namen im Französischen gleich aussprechen, verbot das französische Patentamt Vivendi, den Namen Vizzavi einzuführen - es sei denn, man einige sich mit den Betreibern von vis@vis. Diop ist so über Nacht zum Millionär geworden.

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