Zu wenig Deutsche in der EU-Kommission
EU-Generaldirektor kritisiert deutsche Personalpolitik in Brüssel

Um die deutsche Personalpolitik in Brüssel ist es im Mittel- und Unterbau der EU-Kommission schlecht bestellt: "Die deutsche Delle, also die Unterrepräsentation bei den Referatsleitern, Abteilungsleitern, ist ein großes Problem. Denn hier wird die maßgebliche Arbeit gemacht", erklärt Horst Reichenbach, EU-Generaldirektor für Personal und Verwaltung, im Interview mit der WirtschaftsWoche.
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BRÜSSEL. Herr Reichenbach, EU-Präsident Romano Prodi ist angetreten, die EU-Kommission zu revolutionieren. Was hat sich geändert?

Es gibt auf jeden Fall mehr Wettbewerb bei der Personalbesetzung. Bei der letzten Kommission war es ja praktisch noch so, dass die Posten der Generaldirektoren fest in der Hand der Nationen waren. Wenn jemand wegging, kam wieder jemand von der gleichen Nationalität. Das galt auch für wichtige Direktorenposten. Mehr Wettbewerb heißt nun aber auch, dass mehr Mitgliedstaaten darauf bestehen, dass es ein Gleichgewicht in der Postenverteilung zwischen den Nationen gibt.

Das bemängeln ja auch die Deutschen: Wir haben zwar viele Spitzenbeamte, aber deutlich weniger unten und in der Mitte.

Die deutsche Delle, also die Unterrepräsentanz bei den Referatsleitern, Abteilungsleitern ist in der Tat ein großes Problem. Denn hier wird die maßgebliche Arbeit gemacht. Auf diese Positionen müssen wir junge Kollegen bekommen. Es ist natürlich auch wichtig, dass wir bei den Generaldirektoren gute Stellen besetzen.

Woher kommt der Mangel in der Mitte?

Die EU-Kommission war in Deutschland eine Zeit lang als Arbeitgeber nicht sehr begehrt, wir hatten wenige Bewerber und die sind nicht gut vorbereitet worden.

Ist es besser geworden?

Der Anteil der Deutschen ist bei den letzten Auswahlverfahren hochgegangen. Außerdem bietet jetzt auch das Auswärtige Amt Vorbereitungskurse für den Concours an. Bei der Vorauswahl waren die Deutschen dieses Mal schon erfolgreicher. Außerdem versucht unsere ständige Vertretung nun stärker, die deutschen EU-Beamten einzubinden. Es gibt Kontaktpersonen in der jeder Generaldirektion. So soll ein informelles Netzwerk geschaffen werden, wie es Franzosen und Briten schon seit Jahren haben.

Wie schnell können die Deutschen aufholen?

Das dauert wohl fünf bis sieben Jahre. Entscheidend ist, dass wir in den nächsten Jahren einen ordentlichen Schluck aus der Pulle nehmen. Jetzt ist die letzte Gelegenheit, bevor die EU-Erweiterung die Schotten für die alten Mitgliedsländer ziemlich dicht macht. Es geht um 2800 Stellen, die über die nächsten zwei bis zweieinhalb Jahre von den alten Mitgliedstaaten zu besetzen sind.

Deutschland will die Gehälter für die EU-Beamten am liebsten noch weiter runterdrücken. Welche Folgen hat das für die Rekrutierung?

Die Mitgliedstaaten, die besonders laut über eine schlechte Repräsentanz in der Kommission klagen, sind gleichzeitig auch diejenigen, die meinen, dass die EU-Gehälter noch weiter runtergefahren werden müssen. Und das sind die Deutschen, Schweden, Dänen und die Holländer.

Was unterscheidet einen deutschen EU-Kommissionsbeamter von seinem französischen oder britischen Kollegen?

Nach wie vor, dass Deutsche ein idealistischeres Europabild haben als andere. Viele deutsche Kollegen gehen offenbar immer noch davon aus, dass die Vertretung deutscher Interessen etwas anrüchig ist.

Wenn Sie die deutsche Europapolitik mit der anderer Mitglieder vergleichen, was fällt auf?

Ein vorausschauendes Lobbying ist bei anderen Mitgliedstaaten ausgeprägter als bei den Deutschen. Als beispielsweise der Binnenmarkt geschaffen wurde, hat in Deutschland keiner wirklich wahrgenommen, was das für ein wichtiges Projekt ist. Auch heute denken wir in einigen Feldern nicht vorausschauend genug. Es herrscht immer noch die Vorstellung vor, wenn die Dinge kommen, können wir sie mit unserem großen Gewicht immer noch beeinflussen, da wird uns schon keiner überstimmen. Das hat sich häufig als trügerisch rausgestellt.

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