Zu wenig Frauen in Spitzenpositionen
Frauen sind zu bescheiden

Frauen fordern keine Macht. Das macht sie in den Führungsetagen deutscher Unternehmen so selten wie exotische Vögel.

dpa FRANKFURT/MAIN. «Frauen warten bescheiden, dass jemand ihre Talente entdeckt», kritisiert die Partnerin der Unternehmensberatung Boston Consulting, Martina Rißmann. Auch fehlende Kinderbetreuung sowie ein konservatives Rollenbild sind schuld daran, dass es im deutschen Top- Management nur fünf Prozent Frauen gibt. In Frankreich oder den USA sind es 20 Prozent, Dies ergab eine Studie der Unternehmensberatung Accenture.

Bereits zum dritten Mal trafen sich am Dienstag in Frankfurt rund 1100 Frauen beim Kongress «Women in European Business», eine Initiative von Managerinnen der Deutschen Bank. Mit solchen Veranstaltungen wollen weibliche Führungskräfte ein Netzwerk schaffen, um die Situation berufstätiger Frauen in Deutschland zu verbessern.

«Unser Land hat zu spät mit der Frauenförderung begonnen», erklärte Bundeskanzler Gerhard Schröder in der Eröffnungsrede. Somit stehe die Bundesrepublik im internationalen Wettbewerb viel schlechter da, als sie es sich leisten könnte.

Nur 8,5 Prozent der unter Dreijährigen haben derzeit einen Krippenplatz. In Dänemark sind es die Hälfte. Zudem fehlen trotz des gesetzlichen Anspruchs Kindergartenplätze. Die Quote liegt bei 78 Prozent. In den Niederlanden oder Frankreich haben so gut wie alle Fünfjährigen einen festen Platz.

Bei solchen Gegebenheiten helfen auch keine flexiblen Arbeitszeiten, die in vielen deutschen Unternehmen möglich sind. Auf dem Weg nach oben ist Frau daher immer einsamer: «Ich bin bei Meetings meist die einzige Frau», erzählt Bettina Langenberg. Die 51- Jährige verantwortet bei der Deutschen Bank das Geschäft mit den Firmenkunden der Schweiz. Insgesamt gibt es beim Branchenprimus weltweit nur 170 Frauen (6,1 Prozent), die in den Spitzenpositionen direkt unter dem Vorstand zu finden sind.

Der Verzicht der Frauen auf eine Karriere hat ökonomische Auswirkungen. Der englische Wirtschaftswissenschaftler Richard Freeman sieht darin einen der Gründe, warum das deutsche Pro-Kopf- Einkommen niedriger ist als das der Amerikaner. «Eine berufstätige deutsche Frau verbringt 70 Prozent ihrer Gesamt-Wochenarbeitszeit im Haushalt, eine US-Bürgerin nur 50 Prozent», hat Freeman errechnet. Nur 30 Prozent der Arbeitszeit einer Deutschen fließen in das Bruttoinlandsprodukt ein.

Zusätzlicher Schaden entsteht durch das steuerfinanzierte Universitäts-System. 50 Prozent der Absolventen sind weiblich, davon ergreifen aber nur die Hälfte einen Beruf. Der Rest zahlt seine Ausbildungskosten nie durch Steuerzahlungen zurück.

Deutsche Frauen, die sich für eine Karriere entscheiden, leiden unter enormen Druck der Gesellschaft, beklagten die Kongressteilnehmerinnen. Dies sei bei den europäischen Nachbarn anders. Diese «zwanghafte Vorstellung bei uns, dass die Kinder bei Muttern sitzen müssen», kann Bettina Langenberg nicht verstehen.

Solche Rollenbilder im Kopf erstaunt es nicht, dass nur elf Prozent der von Accenture befragten Top-Managerinnen Macht als Motivation für eine Karriere nennen. An erster Stelle stand dagegen mit 77 Prozent der Wunsch nach einer interessanten Arbeit. Mit dieser Einstellung bleiben Frauen auf der Karriereleiter oft stecken.

Nach Meinung des Sozialwissenschaftlers Tomas Steffens wird es lang dauern, bis sich das tief verwurzelte Rollenbild ändert. Unter anderem liege dies an der Scheu der männerdominierten Vorstandsebenen, einen Managerposten mit einer Frau zu besetzen. «Chefs nehmen lieber einen Mann, das kennen sie, dazu haben sie Vertrauen.»

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