Zugkräftigste Programme in Düsseldorf nicht präsent
Bei der Telemesse war das Container-Fernsehen der Star

Der Traum der Programmplaner ist billig, grell und massenkompatibel. Seit dem Erfolg der Container-Serie "Big Brother" hat sich das deutsche Fernsehen verändert. Aber dennoch zweifelt die Branche, ob sich der Erfolg der Serie, die RTL2 selbst als "erfolgreichste TV-Neueinführung" des neuen Jahrtausends" feiert, beliebig wiederholen lässt.

jgo DÜSSELDORF. RTL, Deutschlands größter privater Fernsehsender, will sich in der kommenden Fernsehsaison nicht noch einmal von RTL 2 abhängen lassen. Nun soll der "Big-Brother"-Erfolg in der RTL-Familie geteilt werden. Die wöchentliche Ausscheidungssendung der zweiten Staffel läuft beim großen Bruder. "Quizshows sind doch seit jeher die Kompetenz von RTL", sagt Carsten Breinker, Referent Kommunikation bei IP Deutschland, dem Werbevermarkter der TV-Familie. Breinker zufolge haben die Markenartikler die anfängliche Zurückhaltung der umstrittenen Sendung längst aufgegeben. Viel konservativer als die Unternehmen selbst seien die Media-Agenturen gewesen.

Um deren Bedenken zu zerstreuen, hat RTL 2 in diesem Jahr auf eine Präsentation bei der Telemesse verzichtet. Statt dessen ist RTL2-Geschäftsführer Josef Andorfer Anfang August persönlich mit den Doku-Darstellern durch die Agenturen getingelt, um für das Format zu werben. Auffällig groß sei vom Start weg das Interesse von Unternehmen der New Economy gewesen, heißt es vom Vermarkter. Inzwischen hätten aber auch andere Unternehmen erkannt, dass sich mit dem so genannten Event-Fernsehen zu günstigen Preisen ein Querschnitt durch die Gesellschaft erreichen lasse. Das extrem niedrige Kosten-Leistungs-Verhältnis kann und will die TV-Branche den Kunden aber nicht mehr bieten: Die Werbepreise haben kräftig angezogen.

Vermarkter IP begründete die neuen Preise damit, dass "der Sender inzwischen in einer eigenen Liga spielt und mit seinem Real-Life-Formaten dauerhaft Anschluss an die drei großen Privaten finden wird". Ein weiterer Grund für neue Tarife liegt außerhalb der Reichweite der TV-Familie. Auch Produzent Endemol hat die Preise deutlich nach oben korrigiert.

Keine Experimente

Die Sender kann das nicht schrecken: Verglichen mit den Produktionskosten für aufwendige Eigenproduktionen sind auch "Der Bus", und die Abenteuerserien "Expedition Robinson" und "71 Grad Nord" noch Schnäppchen. Teuer bleibt dagegen die Ware aus Hollywood. Deshalb bezieht sich das Motto "Ich will mehr", das RTL auf 6000 Plakate kleben lässt, auch nicht in erster Linie auf Spielfilme, sondern auf den Rennfahrer Michael Schumacher. Mit der Formel 1 hat auch RTL-Veteran Helmut Thoma einst Quote gemacht. Den potenziell größten Quotenhit aus Hollywood hat RTL dem jüngsten Sprössling der Familie abgejagt. "Titanic" sollte ursprünglich bei "Vox" Premiere haben. Nun muss sich der Sender mit der Zweitausstrahlung begnügen.

Vox soll im Verbund der Sender zu einer Anlaufstation für qualifizierte Minderheiten werden. Auf diese Weise will die RTL-Gruppe den systembedingten Konstruktionsfehler beim Sender - die Lizenz muss mit der DCTP geteilt werden - in einen Vorteil ummünzen. DCTP steuert Formate wie "S-Zett" und "Spiegel-TV" bei, die zu Themenabenden verknüpft werden. Die Zusammenarbeit mit dem zweiten Lizenznehmer laufe gut, sagt IP-Referent Breinker. Seiner Auffassung nach trägt das besondere Profil des Senders mit dazu bei, dass die RTL-Gruppe in ihren Kanälen unter vergleichsweise wenig Überschneidungen zu leiden hat.

Bei der zweiten TV-Familie, den Sendern um Pro Sieben, war die Integration der Sender offensichtlich noch nicht abgeschlossen. Materialien, die den Beschluss der Hauptversammlung bereits berücksichtigten, hatte Vermarkter Media Gruppe München, MGM, nicht parat. Pro Sieben will auch in den kommenden Monaten seine Zuschauer mit attraktiven Spielfilmen, Talk, ein bisschen Information und viel Infotainment gewinnen. Großer Gewinner ist Comedy-Star Stefan Raab, der nun vier Mal pro Woche auf Sendung geht. Mit Moderatoren wie Toni Fröstel will der Sender aus München-Unterföhring auch beim Info-Magazin "Die Reporter" Kompetenz und Glaubwürdigkeit vermitteln. Bei Kabel 1 fallen kaum Änderungen ins Gewicht. Der neue Partner Sat 1 vermarktete auf der Telemesse u.a. eine "Big-Brother" nachemepfundene Show mit dem Titel "Big Diet". Wenn Kandidaten unter Kamera-Beobachtung 100 Tage abnehmen, sollen die Zuschaueranteile wieder steigen.



Renaissance der Rätselshows

ARD und ZDF warben für ihr Vorabendprogramm. Neue Akzente setzen will die ARD mit dem, wie ARD-Programmdirektor Günter Struve sagt, zweiten Drama außer dem Wetterbericht. In der nächsten Saison startet das Erste Deutsche Fernsehen vor 20:00 Uhr mit einem Kurzbericht von der Börse. Musiksender Viva, selbst inzwischen am Neuen Markt gelistet, springt auch auf den Zug auf. In der neuen Börsenshow auf Viva 2 soll es informativ und unterhaltsam zugehen. Börsendauersender n-tv dagegen wagt sich in der nächsten Saison ins leichte Unterhaltungsmetier: In Quizshows können die Zuschauer testen, mit wie viel Informationsgewinn der TV-Konsum verbunden ist.

Rätsel gab den Besuchern der Telemesse der Sender TM 3 auf. Der Kanal, seit dem Rückzug von EM.TV im Alleinbesitz der News Corporation von Rupert Murdoch, hatte zwar einen Stand, aber kein Programmschema. Den Neustart hat der Sender kurzfristig auf Januar 2001 verschoben. Ein Branchenkenner sagte, Wahl-Amerikaner Murdoch habe wohl noch nicht mitbekommen, dass "Lass dich überrraschen" nicht das erfolgreichste Format im Fernsehen sei.

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