Zukäufe aber zeitlich schwer planbar
Übernahmehunger von Gehe noch nicht gestillt

"Wir sind immer angriffslustig, alles andere wäre geradezu töricht", sagte der Finanzvorstand des Stuttgarter Pharmagroßhändlers heute.

Reuters STUTTGART. Nur in Frankreich und Großbritannien würde Gehe mit Marktanteilen um die 40 Prozent im Großhandel bei einem Zukauf an kartellrechtliche Grenzen stoßen. "In vielen anderen Ländern sind wir sehr aktiv, um dort Fuß zu fassen oder den Marktanteil zu erhöhen", sagte Finanzvorstand Stefan Meister. Eher schwach vertreten sei Gehe etwa in Portugal oder Belgien. Auch in Osteuropa, wo Gehe bislang nur in Tschechien aktiv ist, würden einige wirtschaftlich stabilere Länder beobachtet. Zeitlich seien Zukäufe aber schwer planbar.

Dass Gehe an Wachstumsgrenzen stoße, sei nicht absehbar, sagte Vorstandschef Fritz Oesterle. Zukäufe um der Größe willen werde es aber nicht geben. In den vergangenen neun Jahren war das Unternehmen durch seine Expansion ins Ausland zum größten Pharmagroß- und Einzelhändler Europas geworden. Für 2002 peilt Gehe rund fünf Milliarden Euro Umsatz an.

In Deutschland sieht Gehe kaum noch Wachstumschancen. Die Marktanteile seien relativ festgefahren. "Sie können da nichts Substanzielles mehr ändern", sagte Oesterle. Nur regional könne Gehe das Geschäft aus kartellrechtlichen Gründen noch abrunden. Lücken sieht der Vorstandschef noch in Teilen Süddeutschlands, in denen der kleinere Konkurrent Sanacorp besonders stark vertreten sei. Die meisten Apotheken halten sich zwei oder mehr Arzneimittel-Lieferanten.

Sanacorp versucht derzeit seine Fusion mit der Frankfurter Anzag, die auf den Widerstand des Kartellamts gestoßen war, auf dem Klageweg durchzusetzen. Oesterle sieht das Streben der Nummer drei und vier in Deutschland gelassen. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Sanacorp und Anzag schaffen", sagte er. Gehe würde sich gegen einen Zusammenschluss voraussichtlich nicht zur Wehr setzen. Eine Fusion ziehe Restrukturierungen nach sich. "Da würde potenziell Umsatz frei werden", folgert er. Ein Engagement im Einzelhandel verbietet in Deutschland im Gegensatz zu Großbritannien das Gesetz. Inhaber einer Apotheke muss stets ein Pharmazeut sein. Anderswo zielt Gehe weiter auf dieses Segment: "Mit unserer Einzelhandels-Strategie stehen wir erst am Anfang", sagte Oesterle.

Die Diskussion um die deutsche Gesundheitspolitik lässt den Gehe-Vorstand angesichts eines Anteils des Inlandsgeschäfts von nur 20 Prozent am Konzernumsatz unterdessen relativ kalt. "Einzelstaatliche Maßnahmen können bei uns in anderen Ländern wettgemacht werden", erklärte Finanzchef Meister.

Die Reformansätze der Politik gehen nach Ansicht Oesterles in eine falsche Richtung. Nicht der Preis für die Medikamente treibe die Kosten der gesetzlichen Krankenversicherungen in die Höhe, sondern die "ausufernde Nachfrage". Dabei erachteten die Menschen Gesundheit als so hohes Gut, dass sie bereit seien, mehr Geld dafür auszugeben. Zusatzversicherungen für besondere Risiken statt der Rundum-Absicherung könnten eine Lösung zur Eindämmung der Defizite bei den Kassen sein: "Das würde die GKV effektiv entlasten, ohne die Hersteller und Händler, aber auch den Normalbürger zu schädigen." Vorbild könne Italien sein, wo die Zuzahlungen der Kassen sich seit 1993 nach der Notwendigkeit des Präparats richten. Der Pharmamarkt wachse seither schneller als vorher. Große Hoffnungen auf durchgreifende Reformen im deutschen Gesundheitswesen macht er sich unabhängig von der Regierung in Berlin nicht: "Das ist eine heilige Kuh, die nicht zu schlachten ist."

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