Zukäufe und ein neues Forschungszentrum sollen die Marktposition in Deutschland stärken
3M drängt in die New Economy

3M lässt sich gerne als Innovations-Weltmeister feiern. Die boomenden Märkte der New Economy stellen den alten Technologie-Konzern jetzt vor neue Herausforderungen. Gleichzeitig müssen die Amerikaner ihren unübersichtlichen Markendschungel durchforsten.

HB ST. PAUL. Wer zur US-Zentrale von 3M fährt, erlebt eine Überraschung. Auf dem Boden vor dem Eingang des tristen Bürohochhauses auf dem campusähnlichen Firmengelände klebt eine farbige Riesenfolie. "Welcome to the jungle!" steht da in großen Buchstaben, die von wild rankenden Pflanzen umgeben sind.

Der Werbegag für bedruckte 3M-Folien wird ungewollt zum Symbol für den gesamten Konzern aus St.Paul im US-Bundesstaat Minnesota. 3M steht für Minnesota Mining and Manufacturing Company, die die gewaltige Zahl von rund 50 000 Artikeln mit einem Dschungel von Marken anbietet. Er steht für einen breit diversifizierten Technologiekonzern, dessen Produkte in der Öffentlichkeit zum Teil kaum bekannt sind, oder hinter denen niemand 3M vermutet.

Wer weiß schon, dass eine 3M-Folie bei Laptopcomputern für mehr Leuchtkraft sorgt, dass viele Glasfasernetze aus 3M-Technik bestehen, dass das Futter von Winterjacken (Thinsulate), Nexcare-Verbandspflaster oder die gelben Klebezettel aus dem Hause 3M stammen?

Die Produktvielfalt ist Fluch und Segen zugleich. "Sie macht uns von konjunkturellen Schwankungen in einzelnen Branchen unabhängig", begründet Konzernchef Livio D. DeSimone die Strategie. Er räumt allerdings ein, "dass unser Geschäftskonzept nicht leicht zu managen ist". Das liegt auch am hohen Innovationstempo: Jedes Jahr werden 500 neue Produkte eingeführt.

Selbst wenn nur gut die Hälfte der Produkte echte Neuentwicklungen sein dürften, ist dieses Ziel noch sehr ehrgeizig. DeSimone investiert deshalb jährlich rund 1 Mrd. $ in seine 15 Forschungs- und Entwicklungszentren weltweit. Der Großteil fließt in marktnahe Forschung. Zurzeit lässt er in Neuss bei Düsseldorf direkt neben der Deutschland-Zentrale für 40 Mill. DM ein weiteres Labor hochziehen.

Konzern mit 10 Kerngeschäftsfeldern

Damit die Innovationsmaschine rund läuft, müssen die Labors bei den 34 Technologieplattformen des Konzerns eng zusammenarbeiten. Ihre Aufgabe ist es, die Kerngeschäftsfelder mit neuen Produkten zu versorgen. Dazu gehören Transport, Grafik und Sicherheit, Gesundheitsprodukte, Elektro und Kommunikation, Endverbraucher- und Büroartikel. Industrieprodukte und Spezialmaterialien.

Da besteht Verbesserungspotenzial, hat der frisch gekürte Forschungschef Paul F. Guehler den etwa 70 000 Beschäftigten vor kurzem verkündet. "Innovation und Vermarktung sind nicht nur Unfälle. Sie können geplant werden", schrieb er in der Hauszeitung.

Nicht nur in der Forschung sind zusätzliche Kraftanstrengungen erforderlich. Kritiker werfen dem Management vor, dass sich der Konzern mit seinen vielen Geschäftsfeldern verzettelt, während sich andere Großunternehmen auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.

Vor vier Jahren räumte DeSimone in seinem Gemischtwarenkonzern schon einmal auf. Er trennte sich vom Bildgeschäft sowie von der Audio- und Videokassettenproduktion - zu spät, wie Kritiker finden. Der Magnetbanderfinder hatte sich lange auf einen Verdrängungswettbewerb mit den Riesen aus Fernost eingelassen.

Jetzt machen die wendigen New Economy-Töchter dem 98 Jahre alten Technologiekoloss Druck. 3M muss sich anstrengen, um vom Boom in den großen Wachstumsfeldern zu profitieren. DeSimone will deshalb stärker als bisher auf Telekommunikation, Elektronik und Gesundheitsprodukte setzen.

New-Economy-Produkte tragen erst ein Viertel zum Umsatz bei

In den Labors in Austin im US-Bundesstaat Texas entwickelt 3M zum Beispiel Schaltkreise, die in hauchdünne Folien eingeschweißt sind. Sie werden eingesetzt, um den Kontakt zwischen Farbpatrone und Drucker herzustellen. "Damit können auch die Minibildschirme von Handys angeschlossen werden", wirbt Susan Nestegard, technische Direktorin in der Sparte Elektronikprodukte, für das neue Geschäft, das in den ersten sechs Monaten 2000 für 125 Mill. $ Umsatz sorgte.

Aber insgesamt werden die Produkte aus dem Bereich New Economy in diesem Jahr erst ein Viertel zum Konzernumsatz (1999: 15,7 Mrd. $) beitragen. "In drei Jahren wollen wir diesen Umsatzanteil auf 35 % erhöhen", verkündete 3M-Chef DeSimone vor kurzem.

Das Ziel kann der Konzern aber trotz aller Innovationskraft nur erreichen, wenn er Firmen zukauft. Den Anfang machte er im Januar mit der Wuppertaler Quante AG, die den Konzernumsatz in der Telekommunikationstechnik auf über 1 Mrd. $ verdoppelt. In Kürze will 3M die Übernahme einer deutschen Medizintechnikfirma verkünden, die den Umsatz hier zu Lande von zuletzt 2 Mrd. DM erhöht.

Eine Kurskorrektur ist auch in der Markenpolitik notwendig. Den Wildwuchs an Markennamen will DeSimone beschneiden. Zurzeit laufen in allen Ländern Kundenbefragungen zu Image und Bekanntheitsgrad der Marken.

Aktie interessiert nur wenige Anleger

Ein Kommunikationsproblem gibt es auch am Aktienmarkt. In Deutschland wurde das Papier wegen fehlenden Interesses einfach vom Kurszettel gestrichen. Auch an der Wall Street macht die Aktie weder Analysten noch Anlegern große Freude. Sie lassen sich nicht davon beeindrucken, dass der Nettogewinn 1999 um rund 12 % auf 1,7 Mrd. $ und im ersten Halbjahr 2000 sogar um rund 15 % auf 926 Mill. $ gestiegen ist.

Das könnte sich jedoch Mitte nächsten Jahres ändern. Dann verlässt der 65-jährige DeSimone den Chefsessel in St. Paul. Von seinem Nachfolger wird erwartet, dass er mehr Schwung in das Unternehmen bringt. Noch ist offen, ob der Kandidat wieder aus den eigenen Reihen kommt.

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