Zukunft der Standorte steht auf dem Prüfstand
Scheitern des Tarifmodells ist Wendepunkt für VW

Mehr als 10 000 Arbeitslose bekommen voraussichtlich in den nächsten Wochen schlechte Nachrichten vom Arbeitsamt. Ihre Bewerbungen für einen der ursprünglich geplanten 3 500 neuen Jobs bei Volkswagen waren vergebens.

Reuters HANNOVER. Nach dem Scheitern der Tarifverhandlungen über das Projekt "5 000 mal 5 000" mit insgesamt 5 000 neuen Stellen zum Einheitslohn von 5 000 DM brutto im Monat am Montagabend herrscht nicht nur bei den Arbeitslosen Katzenjammer. Bei VW und in der IG Metall gibt es nun Befürchtungen, dass das in den vergangenen Jahren stets auf Konsens und Kompromiss angelegte Verhältnis zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretung leiden könnte.

Das Aus für das ehrgeizige Projekt markiert einen Wendepunkt bei VW. Bisher hatten VW und IG Metall im vergangenen Jahrzehnt mehrfach Tarifgeschichte geschrieben: Die Einführung der Vier-Tage-Woche mit Lohneinbußen und 28,8 Wochenstunden rettete 1994 mehr als 20 000 Jobs bei VW. Instrumente wie das Zeitwertpapier für Überstunden und die von VW-Chef Ferdinand Piech gerühmte "atmende Fabrik" mit flexiblen Arbeitszeiten galten auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) als Beleg für innovative Arbeitsmarktkonzepte am Industriestandort Deutschland.

Testfall für effiziente Abläufe

Mit dem neuesten Projekt wollte nicht nur der in der Vergangenheit vielfach gefeierte VW-Arbeitsdirektor Peter Hartz erneut ein arbeitsmarktpolitisches Signal setzen. Auch im Betriebsrat und in der IG Metall Niedersachsen hatte es viele gereizt, zu beweisen, dass es mit innovativen Konzepten eben doch möglich sein kann, am Hochlohnstandort Deutschland in einer traditionellen Industriebranche nicht nur tausende neuer Stellen zu schaffen. Ein völlig neues Produktionssystem mit flachen Hierarchien, besserer Qualitätskontrolle und auch Verantwortung für den Vertrieb der Autos sollte zugleich der Testfall für wesentlich effizientere Abläufe sein.

Schon vor Wochen zeichnete sich aber bei VW wie bei der Gewerkschaft ab, dass sich beide Seiten diesmal verkalkuliert haben könnten. IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, selbst Mitglied im VW-Aufsichtsrat, wirft dem Vorstand des Unternehmens nun vor, die Gewerkschaft überfordert zu haben. Der Druck der Metaller wie auch anderer Gewerkschaften war besonders auch wegen der Signalwirkung groß, die ein Abschluss außerhalb bisheriger Tarifverträge für die gesamte deutsche Wirtschaft gehabt hätte. Der IG-Metall-Bundesvorstand machte in Niedersachsen kräftig Druck, nicht über die 35 Stunden-Woche hinauszugehen, und stieß damit auch bei VW-Betriebsräten nicht nur auf Gegenliebe.

Auch für VW gab es bei der Suche nach einem Kompromiss kein Zurück mehr auf die IG-Metall-Marke von 35 Stunden pro Woche, nachdem Arbeitsdirektor Hartz mit einer Vorgabe von 48 Stunden in die Verhandlungen gestartet war.

Wachsende Konfliktbereitschaft

Einen Hinweis auf die wachsende Konfliktbereitschaft gab IG- Metall-Chef am Montagabend schon unmittelbar nach Abbruch der Gespräche: "Das Projekt bleibt richtig, weil es zeigt: Man kann am Industriestandort Deutschland Automobile effizienter und qualitativ besser produzieren mit Kosteneinsparungen zwischen 20 und 25 %, ganz ohne Eingriffe in das Tarifsystem", sagte Zwickel. Man werde den VW-Vorstand im Aufsichtsrat jetzt also fragen müssen, warum er das nicht schon längst eingeführt habe.

Schon in den Verhandlungen hat VW der IG Metall signalisiert, dass es bei einem Scheitern des Modellprojektes für den Bau den neuen Minivans keine Neueinstellungen geben werde. Wenn als Konsequenz Teile der Produktion aus dem Werk Wolfsburg ins Ausland verlagert würden, stehen im Aufsichtsrat weitere Konflikte bevor. Die Zukunft aller inländischen Standorte steht zudem bereits nach der Sommerpause bei den alljährlichen Gesprächen über die Investitionsplanung des Konzerns auf dem Prüfstand. Noch im vergangenen Jahr hatte der Betriebsrat für die Inlandswerke erhebliche Mittel erstritten.

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