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Zukunftsindustrien fördern - aber wie, Herr Vahrenholt?

Wenn man für Zukunftsindustrien etwas erreichen will, braucht man Geld und veränderte Rahmenbedingungen. Ein Aufbruchssignal wäre die Bündelung der Kompetenzen des Wirtschafts- und des Forschungsministeriums.

Wenigstens die Energieforschung müsste wieder vom Wirtschafts- zum Forschungsministerium verlagert werden. Dazu gehört ein milliardenschweres Programm zur Energieforschung, finanziert aus der Ökosteuer. Wir müssen weiter in regenerative Energien und den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft investieren. Öl und Gas sind klimaschädlich, die Vorräte begrenzt. In der Energietechnik müssen wir wieder führend werden. Kein Pfad darf verschlossen sein. Selbst wenn hierzulande wahrscheinlich kein Kernkraftwerk mehr ans Netz gehen wird, sollten wir in Deutschland den inhärent sicheren Reaktor genauso weiter entwickeln wie den Hochtemperaturreaktor - für Länder, die weiter auf Kernenergie bauen. Auch die Fusionsforschung müssen wir vorantreiben.

Aber natürlich ist das nur ein Punkt. Wir sind, was Innovationen betrifft, gut auf traditionellen Gebieten wie Automobil- oder Maschinenbau, nicht gut genug bei Biotech-, Informations- oder Nanotechnologie. Eigentlich geht es in Deutschland deshalb darum, das Klima für Innovationen durchgreifend zu verbessern.

Wir brauchen: hervorragend ausgebildete Menschen, verkürzte Erstausbildungszeiten bei lebenslanger Weiterbildung sowie mehr Wettbewerb an unseren Hochschulen.

Wir brauchen: international wettbewerbsfähige Kostenstrukturen für unsere Unternehmen, insbesondere bei den Lohnnebenkosten, aber auch bei der Steuerbelastung. Wir brauchen: Spitzenleistungen in Forschung und Entwicklung sowie mehr Kooperation zwischen Forschungsinstituten und Industrie.

Und wir brauchen: Vorrang für Existenzgründer sowie den Abbau bürokratischer und steuerlicher Hürden für Innovateure.

Nach einer Epoche der Bedenkenträger muss ein Jahrzehnt der Techniker, Ingenieure und Naturwissenschaftler aufziehen. Vor allem aber benötigen wir eine gesellschaftliche Stimmung, die Risikofreude, unternehmerische Initiative, Leistungsbereitschaft, Fleiß wieder höher bewertet. Weil dies vor einigen Jahren fehlte, hätten wir beinahe die Gentechnologie aus Deutschland verbannt. Wir müssen uns nunmehr für die grüne Gentechnologie einsetzen, ohne die die globalen Ernährungsprobleme von bald zehn Milliarden Menschen nicht lösbar sein werden. Konzerne wie Novartis gehen mit ihrer Forschung nicht dahin, wo die Bedingungen restriktiv sind, sondern dorthin, wo sie politisch willkommen sind.

Wie stimulieren wir Innovationen, die noch nicht profitabel sind? Und wie schaffen wir es, dass die Investitionen in Zukunftstechnologien in Deutschland stattfinden? Diese Fragen müssen wir beantworten.

Physiklehrer höher dotieren

Es fängt schon damit an, dass die Hälfte aller Abiturienten nur mit dem naturwissenschaftlichen Repertoire ihrer Großeltern ausgestattet ist. Die fachliche Qualität der Lehrer muss besser werden; warum einen Physiklehrer nicht höher bezahlen als einen Sportlehrer? Zu beklagen ist auch die Praxisferne in den Universitäten! Einmal im Semester gehe ich mit meinen Studenten, die kurz vor dem Abschluss stehen, zu den Vorstandsvorsitzenden großer Unternehmen. Dort fallen viele Studenten dann aus allen Wolken. Sie merken, dass Chemie-Kenntnisse zwar wichtig sind, aber dass im Job auch andere Fähigkeiten zählen: Umgang mit Menschen, Kommunikationsfähigkeit, zwei, drei Fremdsprachen.

Die Hochschulen brauchen mehr Wettbewerb. Was soll denn daran schlimm sein? Universitäten bieten zumeist alle Fächer an, wir müssen aber auch nach Exzellenz streben. Das heißt auch Sparen in der Breite. Ziel muss sein, dass sich Cluster bilden, also vernetzte Einheiten, die Unternehmen, Studenten und Top-Wissenschaftler gleichermaßen anziehen.

Genau so, im Wettbewerb, soll auch die Forschungspolitik funktionieren. Ein gutes Beispiel dafür war der Biotech-Wettbewerb, als Regionen sich um Forschungsgelder beworben haben. Da ist mit relativ wenig Geld viel angestoßen worden. Programmförderung statt institutioneller Förderung -- das ist richtig, wir müssen nur noch mutiger werden. Selbst in hoch spezialisierten Großforschungseinrichtungen wird noch zu vieles in der Breite gemacht. Hier ein bisschen Umweltforschung, da ein bisschen Biotech - das bringt uns nicht voran.

Ob der Staat mehr Geld für Forschung ausgeben soll? Es ist billig zu sagen, wir müssen mehr für Forschung ausgeben. Aber ohne mehr Finanzmittel wird es nicht gehen.

Fritz Vahrenholt, früher Umweltsenator in Hamburg und Vorstand der Deutschen Shell, ist Vorstandschef der Repower Systems AG sowie Dozent.

Aufgezeichnet von Martin Noé

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