Zukunftsmusik
Kommentar: Commerzbank zwischen Freund und Feind

Viel Zeit hat Commerzbank-Chef Martin Kohlhaussen nicht verstreichen lassen. Erst gut ein Monat ist seit dem Abbruch der Gespräche mit der Dresdner Bank über eine mögliche Fusion vergangen, und schon liegt sein Alternativplan auf dem Tisch. Die paar Wochen aber waren offenkundig zu kurz, den Weg der Commerzbank neu zu definieren. Kohlhaussens Botschaft ist die erwartet schlichte: Die Commerzbank bleibt, was sie ist, nämlich eine Vertreterin der aussterbenden Spezies Universalbank. Und ihr neues Credo ist das alte, das nur für die Dauer der Gespräche mit der Dresdner abgelegt worden war: Die Bank bleibt selbständig und sucht ihr Heil in engeren Beziehungen zu ihren Freunden.



Was Kohlhaussen, dem immer noch der lästige Großaktionär Cobra und damit die Bedrohung einer Übernahme im Nacken sitzt, in aller Eile zusammengezimmert hat, ist eine Mischung aus guten Ansätzen und vagen Aussichten. So kann die mit der Generali-Tochter AMB vereinbarte konsequente Allfinanzkooperation für das inländische Massengeschäft der Bank ein Segen sein, was umgekehrt auch für das Geschäft des Versicherers gilt. Was die italienisch-deutsche Achse sonst noch bewerkstelligen könnte, bleibt weitgehend Zukunftsmusik. Kommt zusätzlich ein Deal mit dem BSCH zustande, kann sich die Cobank über eine Million Kunden freuen, die dessen Tochter CC-Bank mitbringt. Eine mögliche Kooperation mit den Spaniern ist bisher aber nicht einmal in Konturen zu erkennen. Ohne Vorteil für sich, vielleicht in Form eines Anteils an der Perle Comdirect, wird sich der BSCH darauf kaum einlassen.



So mangelt es Kohlhaussens Partnerkonzept, dem Analysten stets mit Skepsis gegenüber standen, auch jetzt noch an strategischen Perspektiven. Die Vermutung liegt nahe, dass es ihm darum aber ohnehin erst in zweiter Linie ging. Im Vordergrund stand offenbar ein kurzfristiges taktisches Kalkül - mit einer Aufstockung der Anteile von Generali und wahrscheinlich bald auch BSCH den Eindringling Cobra auszubremsen.



Dafür nimmt Kohlhaussen sogar die zu erwartende Verärgerung der freien Aktionäre in Kauf. Deren Kapital- und Gewinnanteile werden genauso verwässert wie die der Cobra. Sie müssen auch mit ansehen, wie Großaktionäre dank des jüngsten Kursrutsches günstig zugreifen könnten. Zudem mutet der Bankchef ihnen mit seinem Schlingerkurs vom Fusionsgegner zum Fusionsfreund und wieder zurück viel zu. Ganz zu schweigen davon, dass er als Verfechter der Selbständigkeit durch die Anlehnung an die Partner an Glaubwürdigkeit verloren hat. Denn diese werden Einfluss auf die Bank nehmen. Und Kohlhaussen wird von Glück sagen können, wenn aus der Umarmung nicht irgendwann ein Würgegriff wird.



Zumindest kurzfristig aber könnte seine Taktik aufgehen. Denn so leicht wird die Cobra keinen Käufer finden für ein - verwässertes - Aktienpaket an einer Bank, die so eng mit starken Freunden verflochten ist. Und wenn sich nicht die hartnäckige Cobra selbst oder ausländische Adressen, die das niedrige Kursniveau reizt, zu einer feindlichen Attacke aufschwingen, hat Kohlhaussen Luft gewonnen. Weil wohl auch das Ende der Dresdner als selbständiges Institut ferner ist als mancher Spekulant meint, spricht vieles dafür, dass das Jahr 2000 nicht die erhoffte Konsolidierung im deutschen Bankensektor bringen wird. Eine gescheiterte Fusion und ein gescheiterter Fusionsanlauf: Das wäre dann die magere Jahresbilanz der Frankfurter Spitzenbanker.



Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ein paar Jahre noch werden Häuser wie Dresdner und Cobank weitermachen können wie bisher. Dann werden sie von größeren in Nischen abgedrängt oder geschluckt. Kohlhaussen setzt derzeit alles daran, eine Schlacht für sich zu entscheiden in einem Krieg, den er letztlich nicht gewinnen kann.

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