Zulassungskriterien sind die härtesten Europas
Deutsche Börse hält Neue-Markt-Regeln für intakt

Trotz des angeschlagenen Vertrauens in den Neuen Markt zeigt sich die Deutsche Börse AG zuversichtlich, dass die strengen Zugangsregeln des Wachstumssegments weiterhin Investoren anziehen.

Reuters FRANKFURT. Trotz des wegen zahlreicher negativer Unternehmensmeldungen angeschlagenen Vertrauens in den Neuen Markt zeigt sich die Deutsche Börse AG zuversichtlich, dass die strengen Zugangsregeln des Wachstumssegments weiterhin Investoren anziehen. Die Schwierigkeiten einiger Unternehmen und der Ausverkauf des Neuen Marktes in diesem Jahr seien ein Indiz dafür, dass der Markt und die Investoren reifer würden, sagte Neuer Markt-Chef Rainer Riess in seinem ersten Interview seit Antritt seines Postens. "Unsere Zulassungskriterien sind die härtesten Europas und ich kenne keine Regeln, die die jüngsten Entwicklungen an den Finanzmärkten hätten verhindern können", sagte er. Dennoch überprüfe die Deutsche Börse ihre Regelwerk und versuche, dieses dem sich ändernden Marktumfeld anzupassen.

Im vergangenen Monat hatte die Deutsche Börse angekündigt, sie suche nach Möglichkeiten zu Verschärfung ihrer Regeln für den Neuen Markt, nachdem das Anlegervertrauen durch eine Reihe von Gewinnwarnungen, Insolvenzen und Verdächtigungen auf Unregelmäßigkeiten in dem Handel mit bestimmten Aktien gelitten hatte. "Was wir in der vergangenen Zeit gesehen haben steht mehr im Zusammenhang mit dem Entstehen einer Aktienkultur als mit der Notwendigkeit strengerer Regeln", sagte Riess. Es sei Zeichen eines reifer werdenden Marktes wenn Anleger Unternehmen einzeln bezüglich ihrer Profitabilität und der Aufstellung ihres Managements betrachteten.

Nemax dieses Jahr um 34 % gefallen

Der Frankfurter Neue Markt ist seit Jahresbeginn um rund 34 % gefallen und damit in etwa auf der selben Höhe wie die amerikanische Technologiebörse Nasdaq, die seit ihrem März-Hoch um etwa 50 % eingebrochen ist. Der Nemax50-Index der 50 größten Unternehmen des Neuen Marktes fiel seit seinem Allzeithoch im März bei 9665,81 Punkten auf immer neue Allzeittiefststände und notierte Anfang Dezember bei 2991,89 Zählern. Am Montag lag der Nemax-50 über fünf Prozent im Plus bei 3159 Zählern.

Für negative Schlagzeilen sorgte jüngst die in Schwierigkeit geratene Medienfirma EM.TV, die ihre Prognosen drastisch nach unten korrigieren musste. Kleinaktionärsvertretungen prüfen nun rechtliche Schritte gegen den Filmrechtehändler. Zuvor hatte schon eine Reihe von Skandalen bei kleineren Firmen, wie die Insolvenzen der Telekommunikationsfirma Gigabell und der Softwarefirma Teamwork, für Aufsehen am Neuen Markt gesorgt. Auch die Wachstumsmärkte in Paris und Mailand konnten den negativen Nachrichten nicht entkommen. So sorgte die italienische Internet-Fernsehfirma Freedomland für Aufregung als bekannt wurde, dass Untersuchungen wegen falscher Bilanzierung laufen. Aber Deutschland hat in diesem Jahr die weitaus größeren und spektakuläreren Enttäuschungen geliefert.

Riess: Neuer Markt gleichberechtigt mit der Nasdaq

Mit etwa 330 am Neuen Markt gelisteten, ganz unterschiedlichen Firmen sei das Frankfurter Wachstumssegment bei weitem größer als andere Wachstumsmärkte, sagte Riess. Er sehe den Neuen Markt als gleichberechtigt mit der Nasdaq und nicht als direkten Wettbewerber zu den anderen europäischen Wachstumsmärkten an. Es habe zwar Insolvenzen, nicht funktionierende Geschäftsmodelle und auch Gewinnwarnungen gegeben. Dies sehe man aber auch an der Nasdaq. "Wir hatte gerade erst die zweite Insolvenz - das ist eine bemerkenswert niedrige Rate", fügte Riess hinzu.

Institutionelle Ivestoren sind Riess zufolge mit dem vorhandenen Regelwerk des Neuen Marktes zufrieden. "Alle Firmen am Neuen Markt müssen nach den internationalen Standards IAS oder nach US-GAAP bilanzieren und Quartalsberichte vorlegen", sagte er. "Wenn sie zum Beispiel mal auf den britischen techMarkt schauen, dann sehen sie, dass von den 30 % der Firmen, die dort Quartalsberichte vorlegen, nur 15 % nach IAS oder US-GAAP bilanzieren", fügte er hinzu.

Riess erwartet 130 Neuemissionen im nächsten Jahr

Nicht äußern wollte sich Riess dazu, wieviele Neuemissionen am Neuen Markt für das Jahr 2001 anstünden. Er erwarte, dass wie in diesem Jahr im kommenden Jahr ebenfalls rund 130 Unternehmen an die Börse gehen werden. Obwohl im Jahr 2000 einige Börsengänge verschoben worden seien, sei der Neue Markt in einem guten Zustand, sagte Riess. In den USA mit einer etwa viermal so großen Wirtschaft wie in Deutschland, gebe es jährlich etwa 500 Neuemissionen an der Nasdaq. "Mit etwa 125 Börsengängen pro Jahr stehen wir also ganz gut da", sagte der Neue Markt-Chef.

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