Zum ersten Mal steht bei der Telekom der gesamte Vorstand und nicht nur der Vorsitzende im Rampenlicht
Das Ende der One-Man-Show

Telekom-Chef für sechs Monate zu sein ist kein leichtes Spiel: Helmut Sihler muss schnell entscheiden, wo künftig gespart wird. Er muss die Telekom wieder auf Kurs gebracht haben, bevor er einem anderen das Ruder überlässt. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Vorstandsvorsitzender hat er sich am Mittwoch gut geschlagen.

BONN. Gerd Tenzer kann seine Erleichterung kaum verbergen. "Sie sehen ja, das hier ist keine One-Man-Show mehr", sagt der Technik-Vorstand der Deutschen Telekom AG über das, was sich seit dem Abgang von Ron Sommer aus dem Chefsessel im Konzern verändert hat. Demonstrativ bringt Sommers Interimsnachfolger Helmut Sihler neben Finanzchef Karl-Gerhard Eick drei weitere Vorstände mit zur Halbjahres-Bilanzpressekonferenz.

Wenn es um Details des Geschäfts geht, zeigt der 72-jährige einstige Chef des Waschmittelkonzerns Henkel, dass er sich auf den Sachverstand der Kollegen verlässt: Tenzer für die Technik, Jo Brauner für die Sparten Festnetz und T-Systems sowie Kai-Uwe Ricke für Mobilfunk und T-Online.

Sihlers Rede ist kürzer als die von Eick, was undenkbar gewesen wäre unter Sommer; er hält sie frei und spricht in kurzen klaren Sätzen. Eicks Zahlen sind ausführlich wie selten zuvor bei der Telekom. "Wir beantworten alle Ihre Fragen", wirbt Sihler um Vertrauen bei der Presse. Nur konkrete Entscheidungen zu seiner Strategie mag er nicht nennen. Denn für die will er sich Zeit lassen, weitere drei Monate, bis zur Vorlage der Neunmonatszahlen am 20. November.

Der Kernpunkt seines E3-Programms (Entschuldung, Effizienzsteigerung, Ergebnisverbesserung) jedenfalls ist Sparen, und das soll jeder sehen. Die aufwendige Tribüne, die früher für die Presse im Konferenzsaal der Bonner Telekomzentrale aufgebaut wurde, ist einfachen Arbeitstischen gewichen. Das spart nicht unerhebliche Kosten, sagt der Pressechef. Die schlichten Tische, das abgespeckte Büffet, die Selbstbedienung am Kaffeetresen zeigen: Hier herrscht neue deutschen Nüchternheit. Vorbei das Sommer-Getöse vom quasi-amerikanischen Global-High-Tech-Player Telekom und der Börse als Maß aller Dinge.

Verschwunden ist mit Sommer der "CEO", Sihler spricht lieber vom "Vorstandsvorsitzenden", von "vier Sparten" statt "four pillars". Statt Analystenprognosen zu zitieren, spielt er auf Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" an: Die Lage sei ernst, aber so schlimm nun auch wieder nicht, dass man sich Sorgen machen müsse.

"Ich stelle mir nicht die Frage, was mache ich anders als mein Vorgänger", sagt der 72-Jährige zu der Frage, die jeden im Raum bewegt. Die Arme vor der Brust verschränkt, blickt er ernst durch die dicke Hornbrille auf sein Publikum. "Ich stelle mir die Frage, was muss ich an dieser Stelle tun, damit die Telekom langfristig eine gesicherte Basis hat", schiebt er hinterher.

Die Konsolidierungsprogramme, die Sommer in den letzten Wochen vor seinem Rausschmiss gestartet hat, bezeichnet er als hilfreich. "Vertiefen, verstärken, erweitern", sagt Sihler, sei sein Ziel. Und dass es keine heiligen Kühe gebe: Auch die Vier-Säulen-Strategie - Sommers Aufteilung des Konzerns in die Sparten T-Com, T-Systems, T-Mobile und T-Online - komme natürlich, wie alles, auf seinen Prüfstand.

Die Prüfung soll gründlich ausfallen. Sihler sieht in den drastischen Abschreibungen auf den Wert der internationalen Töchter, wie sie die niederländische KPN vornahm, kein Vorbild. "Ich nerve meine Kollegen gelegentlich mit meinen Erfahrungen aus der Waschmittelindustrie", kokettiert er mit seinem Alter und der Tatsache, dass er bis auf einige Jahre im Aufsichtsrat keine Branchenerfahrung mitbringt. Henkel-Konkurrent Colgate habe auch immer auf drastische Bereinigungen gesetzt, erzählt er, während Henkel mit Persil auf stetige Verbesserungen gesetzt habe. So wie er es erzählt, weiß jetzt auch jeder Telekom-Techniker, dass Persil diesen Wettbewerb der Konzepte gewonnen hat.

Je länger die Fragerunde dauert, umso mehr sieht man Sihler an, dass es ihm Spaß macht, an der Telekom-Spitze zu stehen. Er lobt das gute Halbjahresergebnis, das die Kollegen zu Stande gebracht haben, und die "wirklich kollegiale" Zusammenarbeit. Fast scheint er es zu bedauern, dass er den Job nur für sechs Monate machen soll. "Wenn ich 15 Jahre jünger wäre, würde ich gerne bleiben", schiebt er dann aber doch allen möglichen Spekulationen den Riegel vor.

Nach der Bundestagswahl will er gemeinsam mit Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus Gespräche mit Nachfolgekandidaten führen. Seinen Nachfolger will er so weit wie möglich in Weichen stellende Entscheidungen einbeziehen: Von einer One-Man-Show hält Sihler eben wirklich nichts.

Quelle: Handelsblatt

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
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