Zum fünften Geburtstag lichten sich die Reihen am Neuen Markt
Wachstumsbörse auf Schrumpfkurs

Heute Abend soll in Frankfurt gefeiert werden: Der Neue Markt wird fast auf den Tag genau fünf Jahre alt. Die Partylaune allerdings hält sich in Grenzen. Knapp 350 Unternehmen waren in der Spitze an der Wachstumsbörse notiert. Inzwischen nähert sich die Zahl der Marke von 300. Der Aderlass gilt als Voraussetzung für ein Wiedererstarken.

FRANKFURT/M. Die Liste der Firmen am Neuen Markt wird immer kürzer. Kaum eine Woche vergeht, an dem nicht ein Unternehmen seinen Rückzug anmeldet oder sich durch eine Übernahme ein Ausscheiden aus dem Marktsegment anbahnt.

Zum fünften Geburtstag am Sonntag wird die Zahl der notierten Gesellschaften bereits kleiner sein als ein Jahr zuvor. Übernahmen oder der freiwillige Rückzug aus dem für Firmen kostspieligen Börsensegment sind noch die günstigsten Fälle. Doch knapp zwei Dutzend droht nach den nicht unumstrittenen Delisting-Regelungen der Deutschen Börse AG die Verbannung aus dem Marktsegment. Ähnlich hoch wird die Zahl anstehender Insolvenzen geschätzt.

Die Deutsche Börse scheint gut gelaunt

Aufregen will sich über die Schrumpfkur des Wachstumssegments niemand. Sogar die Deutsche Börse kann darin nichts Negatives sehen: "Das ist ein normaler Vorgang der Konsolidierung. Auch die amerikanische Technologiebörse Nasdaq hat im Jahr 2001 fast 800 Firmen verloren", sagt Rainer Riess, bei der Deutschen Börse AG für den Neuen Markt zuständig. "Dass Firmen, deren Geschäftsmodelle nicht funktionieren, ausscheiden, gehört zu einem gesunden Markt", konstatiert er.

Und auch von Seiten der Aktionärsschützer, die ihren Mitgliedern die meist beträchtlichen Verluste erklären müssen, kommt Zustimmung: "Grundsätzlich begrüßen wir, dass sich Unternehmen, die die Qualität nicht liefern können, aus einem Qualitätssegment verabschieden", sagt Christoph Öfele von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Er glaubt, dass noch bis zu 100 Unternehmen in diesem Jahr vom Kurszettel verschwinden werden. Dadurch werde das Marktsegment jedoch nicht schwächer, sondern stärker: "Der Neue Markt ist nicht tot.

Er wird sich nach dieser Konsolidierung wieder erholen", glaubt Öfele. Wichtig für die Revitalisierung des Marktes sei vor allem, dass die Unternehmen die kritische Größe von mindestens 50 Mill. Euro Marktkapitalisierung erreichten: das sei das Minimum für das Interesse von institutionellen Anlegern, die letztlich die Entwicklung bestimmen. Zurzeit liegt mehr als die Hälfte der notierten Firmen unter dem Limit. Dass der Aderlass auch bei Fondsgesellschaften als "gesunder Bereinigungsprozess" gesehen wird, bestätigt Andre Köttner von Union Invest.

Bald müssen die Nemax-50-Unternehmen auch Gewinne schreiben

Der Konsolidierungsprozess am Neuen Markt kann nach Meinung von Andreas Hürkamp, Aktienstratege der WestLB, noch bis Ende 2003 dauern. "Dann werden 90 Prozent der Unternehmen im Auswahlindex Nemax 50 profitabel und der Neue Markt ein sehr solides Segment sein." Bis dahin erwartet er allerdings noch einige negative Überraschungen "nicht nur bei kleinen Unternehmen". Auch Hürkamp zieht die Parallele zur Nasdaq, die 1974 zur Zeit der Ölkrise ums Überleben kämpfte. Er geht davon aus, dass ähnlich der US-Technologiebörse jährlich mindestens 10 bis 15 Prozent der Unternehmen ausscheiden werden. Neue Börsengänge würden den Kurszettel jeweils wieder auffüllen. "Für diesen schmerzhaften Prozess, Folge der übertriebenen Euphorie, zahlen wir einen sehr hohen Preis."

Für die Zeit nach der Konsolidierung hat die Deutsche Börse AG bereits ihre Pläne: Sie will vor allem drei Branchen am Neuen Markt stärker etablieren: Biotechnologie, erneuerbare Energien und die noch in den Kinderschuhen steckende Nanotechnologie, kündigt Riess an. In allen drei Bereichen sei Deutschland mit einem gesunden Kern von Unternehmen gut positioniert. Ihnen gilt bei der Suche nach neuen Börsenkandidaten besondere Aufmerksamkeit, "ohne jedoch die anderen zu vernachlässigen".

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