Zunehmende Abhängigkeit der neuen Länder von der Weltkonjunktur
Experten rechnen mit Rezession in Ostdeutschland

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Rüdiger Pohl, geht davon aus, dass in Ostdeutschland 2001 "die Null beim Wachstum nicht zu halten sein wird". Er erwartet eine Rezession, weil "die Wucht des Abschwungs die neuen Länder besonders stark trifft", sagte Pohl dem Handelsblatt.

BERLIN. Dort seien die Unternehmen nicht so resistent wie im Westen. Der Produktionsrückgang in der Industrie habe zur Folge, dass sie "als Gegengewicht zur schrumpfenden Bauwirtschaft ausfällt." Schon im ersten Halbjahr 2001 wuchs die Wirtschaft in den neuen Ländern insgesamt nicht mehr, nur Sachsen und Thüringen erzielten kleine Zuwächse. Zwar legte das verarbeitende Gewerbe noch sieben Prozent zu. Doch während das Plus in Sachsen fast elf Prozent betrug, musste sich Brandenburg mit einem Prozent begnügen. Karl Brenke, Ostdeutschland-Experte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, erklärte, die Auftragseingänge der Industrie seien mittlerweile auf den Stand des Sommers 2000 gesunken. "Das läuft zumindest in Richtung Nullwachstum."

Jetzt zeigt die deutlich gestiegene Exportquote der Ost-Industrie - bislang viel gelobtes Indiz für den Aufschwung Ost - ihre Kehrseite. "Wir können nicht mehr sagen, die Weltkonjunktur geht uns nichts an", sagte Pohl. So gehen vier von fünf Volkswagen aus dem Werk Zwickau in den Export - noch vor kurzem dachte man dort über Sonderschichten nach, "die haben wir jetzt erst einmal zurückgestellt", bestätigte ein VW-Sprecher.

Dennoch: Von einem Konjunkturprogramm hält Pohl nichts. Viel wichtiger sei es, dass die Solidarpakt-Milliarden für den Aufbau Ost "tatsächlich für die Infrastruktur verwendet werden, vor allem in den Kommunen". Die Ost-Länder dürften damit auf keinen Fall "alle möglichen Etatlöcher stopfen".

Thüringens Wirtschaftsminister Franz Schuster (CDU) hingegen will zusätzliche Hilfen vom Bund. Da sich "die Schere zwischen Ost und West wieder verstärkt öffnet und ein selbsttragender Aufschwung nicht in Sicht ist", müsse der Bund Infrastrukturausgaben für den Osten vorziehen. Sein Amtskollege in Brandenburg, Wolfgang Fürniß (CDU), widersprach: Er bevorzuge eine "verlässliche, stetige Förderung über die nächsten zehn Jahre". Mit einer "Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln"-Strategie sei den Unternehmen nicht geholfen. Der einzige Weg für die ostdeutsche Wirtschaft bleibe die Technologisierung - auch wenn der Umbau durch die Konjunkturkrise "etwas länger dauert". Sachsen-Anhalts Wirtschaftsministerin Katrin Budde (SPD) hofft, dass Solidarpaktmittel und das Leerstandsprogramm des Bundes die Schrumpfung am Bau zumindest "abmildern".

In der Wirtschaft ist die Stimmung noch gelassen: Die Chemieindustrie Ost etwa entwickele sich gut, es gebe "keine Hinweise auf verschobene Investitionen", teilte der Verband mit. Auch die im Osten wichtige Lebensmittelindustrie ist weiter optimistisch. Nur der Maschinenbau Ost gibt sich pessimistisch: "Der Einbruch ist noch nicht da, aber wir rechnen mit ihm", heißt es beim VDMA Ost.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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