Zunehmende Bedeutung der IT-Branche in der Wirtschaft
Weltkonjunktur hängt jetzt vom Konsum ab

Der Rückgang der US-Investitionen bei IT-Gütern hat entscheidend zur Verlangsamung der weltweiten Export- und Investitionsdynamik beigetragen. Ökonomen sind skeptisch, ob eine Lockerung der Geldpolitik bei einer zunehmenden Abhängigkeit der Weltkonjunktur von der IT-Branche die Investitionstätigkeit ankurbeln kann.

bbl KIEL. Die rückläufige US-Nachfrage nach Importgütern beeinträchtigt das Investitionswachstum im Euro-Raum und in Japan stärker als zunächst erwartet. Die im Euro-Raum in den letzten Jahren kräftig gestiegenen Ausgaben der Unternehmen für Informations- und Kommunikationstechnologien (IT) sorgen dafür, dass die Investitionsdynamik hier auf absehbare Zeit schwächer bleibt. Die japanischen Unternehmen revidieren angesichts rückläufiger Ausfuhren ihre Investitionspläne. In den USA selbst zeichnet sich in diesem Jahr ein massiver Einbruch bei den Ausrüstungsinvestitionen sowie eine anhaltende Exportschwäche ab. Damit muss der Konsum zunehmend die Rolle des globalen Wachstumsmotors übernehmen, wie Ökonomen auf einer internationalen Konferenz des Kieler Instituts für Weltwirtschaft erläuterten.

Der in den letzten Jahren stark gestiegene Beitrag der IT-Branche zum globalen Wachstum sowie die hohen IT-Investitionen der Unternehmen aus der Old Economy erhöhten die Abhängigkeit der globalen Konjunktur von den zyklischen Schwankungen dieser Branche, meint Philippe Sigogne vom Wirtschaftsforschungsinstitut OFCE in Paris. Der Ökonom vermutet, dass Industrie und Dienstleister im Euro-Raum derzeit mit IT-Produkten gesättigt seien. Um neue Verfahren in der Fertigung und in der Betriebsorganisation einzusetzen, warteten die Unternehmen nun auf Produktinnovationen.

Der künftige Investitionsbedarf werde zudem reduziert, weil die hohen IT-Investitionen in naher Zukunft zu erheblichen Produktivitätssteigerungen führen sollten. Kann das Produktionsvolumen bei unverändertem Faktoreinsatz beibehalten werden, so verringert sich der Bedarf an Erweiterungsinvestitionen, führt Sigogne aus. Damit sei aber auch der Spielraum der Europäischen Zentralbank, durch eine geldpolitische Lockerung die Investitionsnachfrage anzukurbeln, beschränkt. Ähnliches gelte auch für die Geldpolitik in den USA und Japan.

Der Rückgang der US-Investitionen trifft die japanischen IT-Produzenten besonders hart. Rund die Hälfte des japanischen Exportwachstums ging im vergangenen Jahr auf das Konto des IT-Sektors. Für das laufende Jahr erwartet John Higgins, Leiter des Fixed Income Research bei Nomura Research in London kaum noch eine Zunahme der Ausfuhren. Neben der rückläufigen US-Nachfrage bremse die Wachstumsverlangsamung in den südostasiatischen Ländern, dem größten Absatzmarkt der japanischen Exportindustrie, die Ausfuhrdynamik.

Während der Exporteinbruch im vergangenen Jahr teilweise durch steigende Investitionen aufgefangen wurde, schraubten die japanischen Unternehmen mittlerweile ihre Investitionspläne kräftig zurück. So seien die Auftragseingänge im Maschinenbau, ein zuverlässiger Indikator für die künftige Investitionsdynamik, zuletzt stark gesunken.

Damit sei die japanische Wirtschaft nach Ansicht des Japan-Strategen Higgins "wieder an ihrem Ausgangspunkt angelangt." Als Hoffnungsträger für das Wachstum bleibe somit nur noch der private Konsum, der allerdings schnell anziehen müsse, um eine Stagnation zu verhindern. "Die Zeit für den Konsum, die Rolle des Wachstumsmotors zu übernehmen, läuft aus", warnt Higgins, dessen Institut für das laufende Jahr eine Zunahme der privaten Konsumausgaben in Höhe von 1,8 % nach einem Nullwachstum in 2001 prognostiziert.

Diesen Anstieg begründet Higgins mit den bis Mitte 2000 robusten Zuwächsen bei den Realeinkommen der japanischen Arbeitnehmer. Der Konsum reagiere hierauf mit einer Zeitverzögerung von rund einem Jahr. Auch im kommenden Jahr sollte der private Verbrauch weiter anziehen. Ein Risiko für dieses Szenarium stellen allerdings die im Zuge abnehmender Betriebsgewinne sinkenden leistungsbezogenen Vergütungsanteile sowie die zuletzt nachlassenden nominalen Löhne dar.

Als vordringlich betrachtet Higgins die Ankurbelung der Kreditnachfrage von Unternehmen und Haushalten. Die am Montag verkündete Ausweitung der Geldversorgung durch die Notenbank sei jedoch nicht geeignet, die Inflationserwartungen der Wirtschaft zu erhöhen und die Kreditnachfrage so zu stimulieren. Vielmehr müssten die Banken angesichts des deflationären Umfelds Finanzmittel zu einem negativen Zins bereitstellen und hierbei vorübergehend von der Finanzpolitik unterstützt werden, bis der Wirtschaftsaufschwung selbsttragend würde.

Die Ökonomen vom Kieler Institut für Weltwirtschaft rechnen für die erste Hälfte dieses Jahres im Euro-Raum mit einer weiteren Verlangsamung des Wachstums der Ausrüstungsinvestitionen. Erst in der zweiten Jahreshälfte, wenn die Exportnachfrage wieder wie erwartet leicht steigt, dürften auch die Investitionsausgaben etwas zunehmen.

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