Zunehmender Widerstand gegen Reformen
Japan steckt in einem Teufelskreis

Japan droht die schlimmste Rezession seit zehn Jahren. Nach Einschätzung der Zentralbank wird Japans Wirtschaft voraussichtlich in diesem und im nächsten Jahr schrumpfen.

dpa TOKIO. Angesichts empfindlicher Rückgänge der Industrieproduktion und Exporte kamen Nippons Notenbanker nicht umhin, ihre Wachstumsprognose vom April für das bis März 2002 laufende Fiskaljahr über den Haufen zu werfen. Erstmals wurde damit offiziell zugegeben, dass sich die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt in einer Rezession befindet.

Japans Wirtschaftskrise nimmt dabei immer bedrohlichere Formen an: Die Industrieproduktion war im September unerwartet stark um 2,9 Prozent im Vergleich zum Vormonat auf den tiefsten Stand seit Januar 1994 gesunken, wie die Regierung am Montag mitteilte. Im Vergleich zum Vorjahr sind es sogar 12,7 Prozent, der stärkste Rückgang seit Mai 1975. Mit am schärfsten drosselten in den vergangenen sechs Monaten die Elektronikkonzerne die Produktion. Zugleich wollen sie Zehntausende Arbeitsplätze abbauen. Auch die Autokonzerne fuhren ihre Fertigung im ersten Halbjahr um 2,8 Prozent auf 4,8 Millionen Wagen zurück.

Sollten sie dem Arbeitsplatzabbau der Elektronikfirmen folgen, wird die bereits rekordhohe Arbeitslosigkeit weiter steigen. Angesichts der doppelt so hohen Produktionskürzungen als von den Industrieunternehmen vor den Terroranschlägen in den USA angekündigt, sackte Tokios Börse am Montag deutlich ab: Der Nikkei-255-Index büßte 182,85 Punkte oder 1,7 Prozent auf 10 612,31 Zähler ein. Nach Einschätzung der Zentralbank wird die Wirtschaftsleistung des Landes im laufenden Fiskaljahr um bis zu 1,2 Prozent und im folgenden Jahr möglicherweise um bis zu 1,1 Prozent schrumpfen.

Im April hatte sie noch mit einem Wachstum für das laufende Fiskaljahr zwischen plus 0,3 und 0,8 Prozent gerechnet. Die Regierung wird schon bald nachziehen und ihre völlig unrealistische Prognose von 1,7 Prozent auf etwa minus 0,8 Prozent fürs laufende Jahr senken müssen. Die Zentralbank verwies bei ihrer düsteren Prognose auf den weltweiten Wirtschaftsabschwung und die Folgen der geplanten Strukturreformen in Japan hin. Dennoch ließ sie ihre Geldpolitik unverändert. Angesichts eines weiteren Verfalls der Verbraucherpreise dürfte sie die Zinsen zumindest vorerst bei nahezu Null belassen.

Zentralbank-Gouverneur Masaru Hayami hatte wiederholt die Regierung und die Finanzinstitute aufgefordert, schneller am Abbau der die ganze Wirtschaft lähmenden Problemkredite von geschätzt 150 Billionen Yen (2,7 Billionen DM/1,4 Billionen Euro) zu arbeiten. Regierungschef Junichiro Koizumi muss sich denn auch wachsender Kritik wehren, seinen Reformversprechungen mangele es an konkreten Taten: Der zunehmende Widerstand gegen die Reformen zeige, dass es Fortschritte gebe, sagt er. Koizumi hatte auch angekündigt, die Staatsausgaben zu senken. Inzwischen ist bereits von einem zweiten Nachtragshaushalt die Rede. Japan steckt in einem Teufelskreis.

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