Zur Börsenhalbzeit 2002 notieren die Indizes im Minus
Europa durchleidet seine schwerste Baisse

Losgelöst von Konjunkturdaten und Unternehmensnachrichten kennen die Aktienkurse nur eine Richtung: nach unten. In Europa sind die Kursverluste größer als jemals zuvor in der Geschichte. Analysten sind uneinig, ob Aktien derzeit teuer oder billig sind. Investoren steigen aus, weil sie noch größere Verluste vermeiden wollen.

DÜSSELDORF. Über 25 Prozent müsste der Deutsche Aktienindex (Dax) vom heutigen Tag an zulegen, um den Negativrekord noch zunichte zu machen. Schafft er es nicht, dann endet erstmals in der langen Börsengeschichte das dritte Jahr in Folge im Minus. Nach den zwei katastrophalen Börsenjahren 2000 und 2001 fällt auch die Bilanz im ersten Halbjahr 2002 tiefrot aus. Einmal mehr gehören Telekommunikations- und Medienaktien zu den größten Verlierern.

Gemessen an den aktuellen Indexständen gab es in Europa nie zuvor eine Abwärtsbewegung diesen Ausmaßes. Verglichen mit den Höchstständen im März 2000 verlor der Dax knapp 50 Prozent an Wert. Die europäischen Blue Chips büßten im Stoxx 50 mit 45 % kaum weniger ein. Der bisherige Negativrekord liegt für den Dax fast 30 Jahre zurück: Zwischen 1970 und 1974 büßte er zurückgerechnet - den Dax gibt es erst seit den achtziger Jahren - in der Spitze 43 % ein.

Noch viel schlechter ergeht es den Technologiebörsen: Der Nasdaq-Index in den USA verlor seit dem Hoch vor gut zwei Jahren 78 %. Der bisherige Rekord fällt mit einem Minus von 56 % (1973 bis 1974) vergleichsweise bescheiden aus. Beispiellos - auch gemessen an der Jahrhundert-Baisse zwischen 1929 und 1932 in den USA - sind die Verluste des Neuen Marktes: Die immerhin zweitgrößte High-Tech-Börse brach in 27 Monaten um 93 % ein.

Hauptverursacher der Misere sind Telekom - und Medien-Aktien. Die Verlierer der vergangenen Jahre führen auch zur Jahres-Halbzeit die Floplisten an. Im europäischen Stoxx 50 büßten die Netzwerk-Spezialisten Nokia, Alcatel und Ericsson, der Medienriese Vivendi und die Telekom-Anbieter Vodafone und Deutsche Telekom mehr als 50 % ein. Immerhin fast ohne Verluste schnitten Unternehmen aus den Branchen Konsumgüter, Energie und - mit Abstrichen - Industrie ab. Anleger nutzten diese Aktien als "sichere Häfen" und honorierten niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnisse.

Die anhaltende Telekom-Schwäche resultiert aus wiederholten Ertragsrevisionen wie bei Nokia und Ericsson. Ein Engagement in Technologie und Telekom dränge sich auf Grund vieler Enttäuschungen auch auf dem derzeitigen Kursniveau nicht auf, meinen die Experten bei Vontobel.

Analysten vermögen Anlegern derzeit nicht zu sagen, ob Aktien derzeit günstig oder teuer sind. So errechnet die LBBW für den Dax und andere Indizes historisch hohe Risikoprämien. Dadurch werden Kurse üblicherweise stark gedrückt. Sobald sich der Risikoabschlag reduziere, hätten die Börsen wieder Potenzial, konstatiert LBBW. Die schweizerische Vontobel-Gruppe macht zwar ebenfalls eine gestiegene Risikoprämie aus. Diese bewege sich aber immer noch innerhalb des langjährigen Schwankungsbereichs. Impulse sind von dieser Seite nicht zu erwarten. Ratlos macht auch ein Vergleich mit Anleihen: Während Goldman Sachs Aktien gegenüber Bonds für billig hält, sieht das US-Investmenthaus Northern Trust eine Überbewertung bei Dividendenpapieren.

Der Grund für viele gegensätzliche Auffassungen liegt in unterschiedlichen Rechnungsmethoden. Während der marktbreite amerikanische Index S & P-500 beispielsweise nach US-GAAP das knapp 35fache der Unternehmensgewinne für das laufende Jahr kostet, geht der Informationsdienstleister Thomson Financial First Call nur von 20 aus. Eine historisch hohe Bewertung steht einer moderaten gegenüber.

In einem sind sich die Strategen aber einig: Die Kursverluste haben mit der fundamentalen Entwicklung nichts zu tun. "Daten werden ignoriert, Psychologie und eine tiefe Vertrauenskrise nach gefälschten Bilanzen treibt die Börsen", meint Kai Franke von der BHF-Bank. Nach Meinung des Aktien-Researchleiters haben die großen Indizes in Europa und den USA inzwischen attraktive Bewertungsniveaus erreicht - zumal die Konjunkturdaten eine robuste Wirtschaftsentwicklung erwarten ließen. "Doch der Markt fällt weiter, weil Investoren auf Grund ihrer Verluste aussteigen, um nicht noch mehr zu verlieren", meint Franke. Er sieht eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang. Seinen Kunden rät er: "Wer langfristig anlegen will, sollte jetzt nicht mehr aussteigen, sondern in Trippelschritten zukaufen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%