Zurückhaltende Prognosen der Ökonomen
Erhöhte Risiken für die Weltkonjunktur

Die Rezessionsgefahren in den USA haben nach den Terroranschlägen zugenommen - und damit auch die Risiken für die Weltwirtschaft. Ökonomen warnen indes vor zu großem Pessimismus. Das Institut für Weltwirtschaft erwartet, dass sich der konjunkturelle Wendepunkt in den USA durch die Anschläge nur um etwa ein Quartal verschiebt.

HB DÜSSELDORF. Nach den Terroranschlägen gegen die USA spitzen die Konjunkturforscher in Banken und Forschungsinstituten bereits die Bleistifte, um die Folgen für die ohnehin angeschlagenen Konjunkturen in den Regionen und weltweit abzuschätzen und Wachstumsprognosen neu zu berechnen. Dabei sind sie sich der Schwierigkeit ihrer Aufgabe bewusst: Die Unsicherheit über die Entwicklung der Weltwirtschaft in den kommenden Monaten sei so groß, dass sich "jede allzu genaue Prognose zu verbieten scheint", schrieb gestern etwa die Bank Sarasin. Joachim Scheide, Konjunktur- Abteilungsleiter am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, hält die derzeit verfügbaren Konjunkturdaten für wenig brauchbar, weil sie sich auf die Zeit vor den Anschlägen vom 11. September beziehen. "Prognosen werden in den kommenden Monaten noch schwieriger als sonst", sagte Scheide dem Handelsblatt.

Fest steht: Mit der Unsicherheit haben sich auch die Risiken für die Weltwirtschaft erhöht. Eine Umfrage des Handelsblattes hat aber auch ergeben, dass die Ökonomen eine weltweite Rezession eher für unwahrscheinlichhalten. So erwartet Jan Amrit Poser von der Bank Sarasin für die USA 2002 schlechtestenfalls ein Wachstum von 1,4 % nach 1,2 % im laufenden Jahr. Für die Euro-Zone rechnet er in seinem "Worst-Case-Szenario" mit einem Wachstum von 1,4 % (2001) bzw. 1,9 % (2002). Für wahrscheinlicher hält es Poser indes, dass die Konjunktur nach dem - auf alle Fälle schwachen - Jahr 2001 wieder anspringt und dass die Wachstumsraten dies- und jenseits des Atlantiks 2002 über 2 % liegen werden.

IfW hält Ende der Talfahrt für absehbar

Ähnlich argumentiert das IfW, das unmittelbar vor den Anschlägen in den USA seine Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft nach unten korrigiert, gleichzeitig aber das Ende der Talfahrt konstatiert hatte. Für die US-Wirtschaft hatte das Institut 1,4 % Wachstum in diesem und 2,2 % im kommenden Jahr prognostiziert, für die Euro-Zone 1,7 % bzw. 2,4 %.

Scheide will an den Kernaussagen dieser Prognose festhalten. Derzeit erarbeiten die Kieler Forscher mit Hochdruck an einer neuen Fassung des Gutachtens, in der die ökonomischen Auswirkungen der Anschläge abgebildet werden sollen. Scheide erwartet für Deutschland und die Euro-Zone nur Korrekturen im Bereich von "wenigen Zehntelpunkten" nach unten, für die US-Wirtschaft werde es "etwas mehr".

Der IfW-Ökonom bleibt aber - bei aller Vorsicht - dabei, dass auch in den USA das Ende des Abschwungs in Sicht ist. Die aktuellen Produktionsausfälle in den USA trügen wohl dazu bei, dass die US-Wirtschaft nach der faktischen Stagnation im zweiten auch im dritten Quartal kaum wachse. Der konjunkturelle Wendepunkt verschiebe sich dadurch aber voraussichtlich lediglich um etwa ein Vierteljahr nach hinten. Nicht auszuschließen sei, dass sich - vor allem aufgrund zusätzlicher staatlicher Investitionen - die Konjunktur danach schneller wieder belebe als ursprünglich angenommen.

Rezession wie in den 70er- und 80er-Jahren nahezu ausgeschlossen

Scheide hält auf der Grundlage dieses Szenarios auch die Gefahren für die Weltwirtschaft für beherrschbar. Es sei nahezu ausgeschlossen, dass diese in eine Rezession wie 1974/75 oder 1980/81 rutsche. Der IfW-Ökonom rechnet zwar damit, dass sich das Verbrauchervertrauen in den USA in den kommenden Monaten eher verschlechtern werde. Dauerhafter Attentismus der US-Verbraucher vor allem beim Konsum langlebiger Wirtschaftsgüter - etwa Autos - werde sich aber nicht einstellen.

Auch Michael Hüther, Chefvolkswirt der DGZ-DekaBank, glaubt nicht an ein dauerhaft zurückhaltendes Konsumverhalten der US-Verbraucher: Deren Mentalität lasse eher eine "Jetzt- erst-recht"-Stimmung erhoffen. Größere Sorgen bereiten Hüther die Auswirkungen der Anschläge auf das Investitionsverhalten der Unternehmen - in den USA und weltweit. Deshalb hält Hüther die Notenbanken auch in den kommenden Monaten für besonders gefordert.

Besonnene Reaktion der USA auf die Anschläge auch ökonomisch wichtig

Noch mehr als sonst betonen Ökonomen in diesen Tagen die Annahmen, unter denen sie ihre Prognosen machen. Scheide vertraut wie sein Kollege Gustav Horn vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin darauf, dass die weltpolitischen Rahmenbedingungen stabil bleiben. "So lange sich die USA der Solidarität der wichtigsten OPEC-Staaten wie etwa Saudi-Arabien sicher sein können, kann die OPEC den Ölpreis auf einem angemessenen Niveau halten", urteilt Horn. Schon deshalb sei eine besonnene Reaktion der USA auf die Anschläge auch ökonomisch wichtig.

Eher optimistisch stimmt auch eine Analyse der University of California at Los Angeles (UCLA). Die Ökonomen Edward Leamer und Christopher Thornberg argumentieren darin, dass in der Vergangenheit unvorhergesehene Naturkatastrophen, aber auch Kriegserklärungen die US-Wirtschaft noch nie ernsthaft erschüttert hätten. In ihrem Modell kommen die UCLA-Ökonomen zu einem ähnlichen Schluss wie das IfW: Die US-Wirtschaft werde etwa ein Quartal benötigen, um sich von den Terroranschlägen zu erholen.

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