Zusammenschluss mit Dynegy gescheitert
US-Energiehändler Enron droht der Zusammenbruch

In den USA zeichnet sich nach dem Scheitern der Übernahme des US-Energieriesen Enron durch den Wettbewerber Dynegy einer der größten Firmenzusammenbrüche der US-Geschichte ab, der nach Einschätzung von Beobachtern auch weltweite Auswirkungen hat.

Reuters HOUSTON. Die finanziell angeschlagene Enron, jüngst noch in der Fortune-500-Liste als siebtgrößte US-Firma geführt, hatte am Mittwoch angekündigt, zunächst alle Zahlungen einzustellen, die nicht zum Erhalt des Kerngeschäfts dienen würden. Zuvor hatte Dynegy die geplante Fusion der beiden Firmen abgesagt und dies damit begründet, dass Enron, größter Energiehändler der USA, Vereinbarungen gebrochen habe. Daraufhin hatte mehrere Kreditagenturen ihre Ratings für Enron gesenkt, wodurch Enron nach Einschätzung von Beobachtern in den Bankrott getrieben werden könnte. Das US-Finanzministerium teilte mit, mögliche Auswirkungen der Enron-Probleme zu beobachten.

An der Wall Street brachen Enron-Aktien um 85 % ein, wodurch das Unternehmen, das vor rund einem Jahr noch einen Börsenwert von mehr als 80 Mrd. $ hatte, noch mit 450 Mill. $ bewertet wurde. Die Titel von Großbanken wie J.P. Morgan und Citigroup, die zu den Kreditgebern der Enron gehören, gaben mehr als fünf Prozent nach, weil bei den Banken nun massive Verluste befürchtet werden.

Die US-Energiebehörde FERC teilte mit, sie beobachte die Vorgänge um Enron genau, habe aber noch keine Fehlentwicklungen festgestellt. Nach dem Bekanntwerden des Scheiterns des Fusionspläne Enron/Dynergy war der US-Energiefuture zeitweilig in die Höhe geschnellt, hatte sich später aber wieder erholt. Auch die Kommission für den Handel mit Rohstoff-Futures teilte mit, sie schaue, ob es Auswirkungen der Enron-Probleme auf die US-Futures gebe. Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte, das Finanzministerium beobachte mögliche Auswirkungen der neuen Entwicklung auf die Finanzmärkte und alle anderen Bereiche.

In Europa, wo Enron 5000 Mitarbeiter beschäftigt, steht die Firma nach Angaben von Händlern nun vor Liquiditätsproblemen, weil seine Großhandels-Handelspartner im Gas- und Strombereich auf Grund der aktuellen Enron-Probleme ihre Geschäfte mit dem US-Konzern einstellen oder zurückfahren könnten. In Deutschland gehören zu den Handelspartnern der Enron unter anderem Großunternehmen wie E.ON und RWE. In den USA hieß es bei Händler, die Auswirkungen aus den Enron-Problemen würden allenfalls kurzzeitig Einfluss auf den Energiemarkt haben.

An den asiatischen Aktienbörsen dämpften die Vorgänge um Enron nach Angaben von Händlern die Stimmung. "Der Enron-Schock betrifft den breiten Markt nicht direkt, aber indirekt sind die Auswirkungen nicht zu unterschätzen", hieß es bei Tachibana Securities. Am Devisenmarkt gab der $ zum Euro nach. "Der Enron-Faktor verstärkt die Unsicherheit (über die weitere Entwicklung der US-Wirtschaft) und unterstützt damit den Euro", sagte ein Händler.

Dynegy hatte am Mittwoch in Houston mitgeteilt, nicht mehr an der geplanten 9,3-Milliarden-Dollar-Übernahme der Enron interessiert zu sein. Enron habe die am 9. November getroffenen Vereinbarungen gebrochen, und Dynegy werde deshalb eine Rückzugsklausel in Anspruch nehmen. Die Bedingungen hätten sich seit Bekanntgabe der Fusionspläne vor rund drei Wochen entscheidend verändert, hieß es. Enron, das jüngst einen Quartalsverlust von rund 638 Mill. $ ausgewiesen hatte, hatte umfangreiche Schulden nicht bilanziert. Dies hatte bei den Anlegern nach Händlerangaben einen Vertrauensverlust zur Folge.

Mehrere Ratingagenturen senkten am Mittwoch ihre Bewertungen für die Verbindlichkeiten der Enron auf "Junk Bond Status". Enron hatte der Wertpapieraufsicht kürzlich mitgeteilt, dass sein Fortbestand als Konzern unwahrscheinlich sei, wenn sein Kreditrating auf diesen Status falle. Nach der Herunterstufung des Ratings werden nicht in der Bilanz enthaltene Schulden des Unternehmens von rund 3,9 Mrd. $ an Enron-Partner unmittelbar fällig. Diese Partnerschaften, die Teil einer Untersuchung der US-Wertpapieraufsicht sind, hatten Finanzmittel im Gegenzug für bestimmte Garantien zur Verfügung gestellt. Diese beinhalteten unter anderem, dass der Enron-Aktienkurs über einem bestimmten Niveau bleiben sollte.

Der Enron-Chef Kenneth L. Lay teilte nach der Dyynegy- Ankündigung am Mittwoch mit, Enron werde nur noch Zahlungen leisten, die zur Aufrechterhaltung des Kerngeschäfts nötig seien. Alle übrigen Zahlungen würden vorübergehend eingestellt. Enron suche nun nach anderen Möglichkeiten, um das Kerngeschäft zu erhalten. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 21 000 Mitarbeiter. Bei Enron war die Verschuldung zuletzt außer Kontrolle geraten, nachdem bekannt geworden war, dass die Firma eine Reihe von Partnerschaften eingegangen war, die die Verschuldung verschleiern sollten.

In Kreisen hieß es, Enron habe zuletzt noch versucht, die Fusionsbedingungen mit Dynegy neu zu verhandeln, und den Übernahmepreis dabei um rund die Hälfte gesenkt. Bei den Verhandlungen seien jedoch die schwierigen und undurchsichtigen Bilanzierungen von Enron zum kritischen Punkt geworden.

Analysten sagten, die Banken J.P. Morgan und Citigroup, bei denen Enron mit rund einer Milliarde $ verschuldet ist, müssten im Falle eines Enron-Zusammenbruchs mit Verlusten von zusammen 400 Mill. $ rechnen.

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