Zusammenstöße bei Protest-Demonstrationen
Rechtsruck in Frankreich: Le Pen in Stichwahl mit Chirac

Nach einem überraschenden Rechtsruck in der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl hat Premierminister Lionel Jospin seinen Rücktritt angekündigt. Bei der Stichwahl in zwei Wochen tritt der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen gegen den konservativen Amtsinhaber Jacques Chirac an.

ap PARIS. In Paris und anderen Städten versammelten sich mehrere tausend Menschen zu spontanen Protestdemonstrationen; dabei kam es in der Nacht zum Montag zu Zusammenstößen mit der Polizei.

Nach Auszählung von 99 % der Stimmen kam der Neogaullist Chirac auf 19,7 %. Le Pen von der Nationalen Front erhielt 17,1 % - zusammen mit dem Abweichler Bruno Mégret gewannen die Rechtsextremisten ebenso viele Stimmen wie Chirac. Nur auf Platz drei kam Jospin von der Sozialistischen Partei mit einem Anteil von 16,1 %. Danach folgten der bürgerliche Zentrumsdemokrat François Bayrou mit 6,9 %, die Trotzkistin Arlette Laguiller mit 5,8 % und Linksnationalist Jean-Pierre Chevènement mit 5,4 % der Stimmen. Robert Hue von der Kommunistischen Partei kam mit 3,4 % nur auf den elften Platz der insgesamt 16 Kandidaten. Die Wahlbeteiligung erreichte mit etwa 72 % den niedrigsten Wert bei einer Präsidentenwahl seit vier Jahrzehnten.

Chirac rief die Franzosen zu einem "demokratischen Ruck" zur Verteidigung der Republik auf. "Die Republik liegt in Ihren Händen. Frankreich braucht Sie. Ich brauche Sie", rief der neogaullistische Kandidat aus. Nach dem Wahlerfolg Le Pen stünden der Zusammenhalt der Nation, die Rolle Frankreichs in der Welt und die Menschenrechte auf dem Spiel.

Le Pen sprach nach seinem Wahlerfolg von einer "historischen Chance des nationalen Wiedererstarkens". Die Franzosen hätten den Wechsel gewollt. Die seit Jahren regierenden Chirac und Jospin seien für die dramatisch hohe Kriminalität im Land verantwortlich. Nach ersten Blitzumfragen hat der 73-jährige Le Pen in der Stichwahl am 5. Mai aber keine Chance gegen Chirac, der dann mit drei Viertel aller Stimmen rechnen kann.

Jospin erklärte in einer kurzen Ansprache, er übernehme die volle Verantwortung für die Niederlage und werde sich nach dem Ende der Präsidentschaftswahl aus dem politischen Leben zurückziehen. Der Wahlerfolg der Rechtsextremisten sei ein "Donnerschlag" und ein "sehr beunruhigendes Zeichen für Frankreich und unsere Demokratie". Nach fünfjähriger Regierungsarbeit sei er vom Wahlergebnis tief enttäuscht. Er rief seine Partei zur Mobilisierung für die Parlamentswahl im Juni auf.

Jospins ehemaliger Finanzminister Dominique Strauss-Kahn und der Grüne Noël Mamère, der auf 5,2 % der Stimmen kam, riefen alle Demokraten zum gemeinsamen Vorgehen gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit auf. Er werde im zweiten Wahlgang für den Neogaullisten Chirac stimmen, kündigte der Sozialist Strauss-Kahn am Abend bereits an.

Bei den Demonstrationen gegen Le Pen kam es in Paris zu Zusammenstößen mit der Polizei. Auf der Place de la Concorde und vor der Nationalversammlung warfen teilweise maskierte Demonstranten Steine und anderen Gegenstände in die Reihen der Bereitschaftspolizei (CRS). Diese gingen mit dem Schlagstock gegen die Menschenmenge vor und setzte Tränengas ein. Vom Pariser Platz der Republik zogen nach Mitternacht mehr als 10 000 Menschen zur Place de la Bastille, unter ihnen zahlreiche enttäuschte Anhänger der Sozialisten und Kommunisten. Die Menschenmenge rief Sprechchöre wie "Nieder mit der Front National" oder "Die Linke, die Rechte, vereint gegen Le Pen". Auf Plakaten hieß es "Ich schäme mich, Franzose zu sein." Zu Zwischenfällen kam es auch in Toulouse, wo in der Nacht 5 000 Menschen gegen Le Pen demomstrierten.

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