Zusatzsoftware für Microsoft Word untersucht Sprachstil
Die Floskeln des Kanzlers gnadenlos enthüllt

Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder zur Gentechnik Stellung nimmt, schlägt der Floskelscanner Alarm: Die Wendungen "selbstverständlich" und "nunmehr" werden von einer Software beanstandet, die Sprachstil und verwendete Begriffe analysiert. Bei dem vom FAZ-Institut vorgelegten Programm handelt es sich um eine Sammlung von Makros für die Textverarbeitung Microsoft Word.

ap FRANKFURT/MAIN. Zielgruppe sind vor allem Unternehmen, die sich in ihren Geschäftsbriefen um einen kundenorientierten Stil bemühen wollen.

Mit der Funktion "Text prüfen" geht das Programm durch den gesamten Text, der gerade im Word-Bildschirm geöffnet ist und untersucht Wort für Wort, ob es in seiner Negativliste einen entsprechenden Eintrag findet. Jeder Treffer wird farbig gekennzeichnet. Wird der Mauszeiger über die entsprechende Stelle geführt, erscheint eine Begründung der Kritik. Bei "selbstverständlich" empfiehlt die Stil-Software dem Kanzler: "Prüfen Sie kritisch, ob Sie erwähnen müssen, dass etwas selbstverständlich ist; meist erübrigt sich dieser Hinweis, gerade weil er selbstverständlich sein sollte...".

Beim Stil geht es um weit mehr als nur um die verwendeten Begriffe. Die Wortlisten des Floskelscanners enthalten denn auch längere Wendungen wie "mit Interesse" oder "nehmen wir wie folgt Stellung". Im ersten Fall wird als Alternative "aufmerksam", "interessiert" oder "mit Freuden" vorgeschlagen, beim zweiten Beispiel ein schlichtes "hier unser Ergebnis". Beanstandet wird auch jedes Wort mit der Endung-ung. Hier soll der Verfasser dem Programm zufolge prüfen, ob das Substantiv von einem Verb abgeleitet wurde. Falls dies zutrifft, sollte der Satz besser mit dem aktiven Verb umgeschrieben werden.

Für unterschiedliche Textsorten kann der Floskelscanner mit verschiedenen Wörterlisten gestartet werden. So ist "Brutus" auf eine "klassisch traditionelle Korrespondenz" abgestimmt, während "Colour" sich um einen "progressiv emotionalen" Stil bemüht. Zwei weitere Listen mit jeweils 3 000 Einträgen enthalten Hinweise zur alten und zur neuen Rechtschreibung, wobei die Empfehlungen der deutschsprachigen Nachrichtenagenturen berücksichtigt sind. Für die Schweizer Schreibweisen gibt es angepasste Listen. Nützlich ist auch die Sammlung "Fundus" mit 1 200 verbreiteten Floskeln, zusammengetragen von dem Autor und Stilberater Erhard Schätzlein. Das Wörterbuch "Tattoo" enthält 750 Stichwörter zur Szene- und Jugendsprache sowie Auflösungen von typischen Abkürzungen im Slang der Computersprache. Alle Wortlisten lassen sich nach Eingabe eines Passworts bearbeiten: Hier können Einträge gelöscht, geändert oder neu hinzugefügt werden.

Statistische Analysen zur Häufigkeit von Wörtern

Die bei umfangreichen Texten oft einige Minuten dauernde Überprüfung erfolgt nach dem Prinzip der Volltextsuche, was mitunter zu fälschlicher Kritik führt. So wird in dem Kanzler-Beitrag der Begriff der "Würde" beanstandet - in der Annahme, dass es sich hier um eine stilistisch unschöne Verwendung der Konjunktivform von "sein" handelt. In der Weiterentwicklung sollte das Programm lernen, die Groß- und Kleinschreibung zu unterscheiden.

Eine schöne Sache sind statistische Analysen der Worthäufigkeiten eines Textes: Hier wird ein neues Dokument erstellt, in dem alle Begriffe alphabetisch und nach ihrer Häufigkeit sortiert aufgelistet werden. Im Kampf gegen unverständliche Bandwurmsätze kann schließlich auch die Satzlänge untersucht werden. In diesem Makro wird eine Schwelle für die Zahl der Zeichen festgelegt, die ein Satz maximal haben soll. Alle Sätze, die länger sind, werden unterkringelt.

Guter Stil lässt sich auch mit dieser Software nicht erzwingen. Der Floskelscanner gibt aber allen schreibenden Menschen wertvolle Hinweise, an welchen Stellen sie ihren Text noch einmal kritisch anschauen sollten. Und damit kann er im Kanzleramt ebenso wie in Firmen oder Redaktionen gute Dienste leisten.

Der Floskelscanner läuft auf jedem Computer mit Microsoft Word, wobei bei der Installation etwas Handarbeit erforderlich ist. Das Programm wird zum Preis von 100 DM vom FAZ-Institut in Frankfurt am Main (Tel: 069/7591-1724) vertrieben; eine Demo-Version ist im Internet erhältlich.

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