Zuschauer sehen das Fernsehen auch in Krisenzeiten als Unterhaltungsmedium
Kriegs-TV ist kein Quotenhit

Ein Großteil der Fernsehzuschauer schaltete bereits nach einer Woche Irak-Krieg wieder auf Unterhaltung. Das Interesse an Nachrichtensendungen ist allerdings gestiegen.

DÜSSELDORF. Trotz geballter Sonderberichterstattung auf allen Kanälen stößt der Krieg gegen den Irak bei den Fernseh-Zuschauern nicht auf das erwartete Interesse. Nur die regulären Nachrichtensendungen verzeichnen mehr Zuschauer. Vor allem Privatsender wie Sat 1 und RTL stellten schnell zurück auf Unterhaltung.

Am ersten Kriegsmorgen füllte Sat 1 noch fünf Stunden Frühstücksfernsehen mit dem Thema Irak. Am Abend durfte in der Latenight-Show "Harald Schmidt" schon wieder über den Krieg gelacht werden. Der Talker simulierte eine Korrespondentenschaltung mit seinem Redakteur, der wenige Schritte weiter am Schreibtisch saß. "Ich habe keine Blickverbindung - wie ist die Lage in Köln-Mühlheim?" und brachte damit die Haltung vieler Zuschauer zur Kriegsberichterstattung auf den Punkt. Seit dem ersten Kriegswochenende sendet Sat 1 wieder Normalprogramm. "Wir haben gemerkt, dass die Zuschauer zwar Nachrichten, aber keine langen Sondersendungen wollen", sagt Sat 1-Sprecherin Jutta Kehrer.

Auch Marktführer RTL setzte zwei Tage nach Kriegsbeginn wieder auf Unterhaltung. Am ersten Tag zeigte der Sender noch 15 Stunden Sondersendungen über den Krieg. Danach hieß die Strategie Unterhaltung mit kurzen News-Einschüben. Mit Erfolg: Mit der Road-Movie-Komödie "Crazy Race" landete RTL mit knapp 5 Mill. Zuschauern am Wochenende auf Platz zwei der Quotencharts. Der Brennpunkt der ARD zum Irak schaffte nur Platz acht. Auch die RTL-Kurznachrichten schnitten gut ab: Die RTL-Frühnews "Punkt 6" zählen knapp ein Drittel mehr Zuschauer. "Wir vertreten den Standpunkt, dass die Menschen auch in Kriegszeiten das Recht haben, anderes Programm zu sehen", sagt RTL-Nachrichtenchef Matthias Bolhöfer.

Sender, die neben den Top-News auch auf kontinuierliche Berichterstattung setzten, hatten mit ihren Regelprogrammen mehr Erfolg als mit Sondereinschüben. Die ARD-Tagesschau hatte erfolgreichstes News-Format zwischen sieben und acht Millionen Zuschauer. Der Versuch, am Samstag Abend mit aktueller Berichterstattung gegen "Wetten, dass...?" zu punkten schlug fehl. Anders als im letzten Golfkrieg entschied sich das ZDF dafür, die Show zu senden. Mit 5,36 Mill. Zuschauern lag die Show mit Thomas Gottschalk kaum unter den Zahlen in Friedenszeiten.

In Sachen Information ist auch beim ZDF vor allem die Nachfrage nach Nachrichten gestiegen. Das News-Format "heute" hat seit Kriegsausbruch mit mehr als 6 Mill. Zuschauern einen Marktanteil von 23,9 %. Anfang März waren es noch 22,5 %. "Die Life-Bombardements in Bagdad starteten bisher meistens um 19 Uhr zum Sendestart", begründet ein ZDF-Sprecher den hohen Zuspruch. Ansonsten konzentrieren sich die Kriegsthemen auf Magazinsendungen wie "Frontal 21". Denn bei Kriegsausbruch mussten die Mainzer feststellen, dass "ein ganzer Tag Kriegsberichterstattung einfach zu viel ist", räumt ein Sprecher ein. Die Zuschauer wechselten am 20. März schnell zum Unterhaltungsprogramm von RTL. Selbst das Morgenmagazin der Öffentlich-Rechtlichen bekommt das wachsende Desinteresse der Zuschauer zu spüren. Zu Beginn des Krieges saßen fast zwei Millionen Zuschauer morgens vor dem Bildschirm - jetzt sind deutlich weniger.

Kleine Nachrichtensender wie n-24 und n-tv haben dennoch von der Kriegsberichterstattung profitiert. Ausgehend von 0,5 % ist der Marktanteil von n-24 auf 1,5 % gewachsen. "Wir gewinnen dadurch, dass uns in Krisenzeiten Zuschauer einschalten, die den Sender vorher nicht kannten", sagt n-24 Sprecher Thorsten Bütsch.

Ob das so bleibt, sei allerdings fraglich, sagt Karl Schawinsky, Medienwissenschaftler am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Für ihn sind die Quoten keine Überraschung : "Fernsehen bleibt selbst in der Krise ein Unterhaltungsmedium. Ein Großteil der Zuschauer will gerade soviel wissen, dass er sich am nächsten Tag im Büro nicht blamiert."

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