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Kommentar: Die inszenierte Empörung

Jetzt ist es amtlich: Das Ganze war gespielt, die Empörung der Union im Bundesrat inszeniert. Kein echtes Gefühl, alles nur Dramaturgie. Die Laienspielschar der Unionsfürsten hat per Liveschaltung die gesamte Nation an der Nase herumgeführt. Und das alles unter der Regie von Edmund Stoiber, der doch mit Sachargumenten um die Kanzlerschaft kämpfen wollte.

Nicht dass es uns überraschen würde. Schon lange haben wir uns abgewöhnt, die stilisierte Empörung, Wut oder Betroffenheit unserer Politiker für bare Münze zu nehmen. Dass sich gestern die Grünen-Chefin Claudia Roth prompt "empört" über die gespielte Empörung der Union zeigte, reizte da schon wieder zum Schmunzeln.

Schließlich hat auch die SPD im Bundesrat eine Aufführung mit verteilten Rollen abgeliefert - und kein Stück authentischer Demokratie. Allerdings hat das anschließende hilflose Geschrei der Union die Selbstinszenierung auf eine neue Spitze getrieben.

Es fragt sich nur, was Peter Müller dazu getrieben hat, dies auch noch öffentlich einzuräumen. Seine eigene Erklärung, man habe die ursprünglich einmal echte Empörung vor laufender Kamera nachspielen müssen, um sie zu "dokumentieren", ist perfide. Soll sich das Volk für die Aufführung womöglich auch noch bedanken?

Es ist sicher kein Zufall, dass ausgerechnet der Saarländer den Offenbarungseid ablegte. Schließlich war er inhaltlich nicht sehr weit von der Bundesregierung entfernt. Vielleicht ist ja Peter Müller selbst ein wenig beschämt. Beschämt darüber, dass die Union den Versuch aufgegeben hatte, dem verwirrten Bürger die Gründe für ihre absolute Ablehnung zu erklären, und stattdessen hilflos Zuflucht zur Komödie nahm.

Ein Gutes hat das Schmierentheater: Zu Beginn des Bundestagswahlkampfes hat es auch dem letzten Wähler wieder klar gemacht, wie viel Skepsis und Misstrauen beim Umgang mit Politikern angesagt sind.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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