Zwangsrabatte nehmen vorweg, was eine Reform des Apotheken-Systems leisten könnte
Risse im Schutzwall

Mehr als vier Jahrzehnte hat das deutsche Apotheken-System alle Debatten unbeschadet überstanden. Doch nach den jüngsten Attacken aus Berlin und Brüssel zeigt der gesetzliche Schutzwall um den deutschen Pharmahandel Risse. Sollte er am Ende tatsächlich fallen, steht den mehr als 20 000 selbstständigen Apothekern ein gewaltiger Umbruch bevor.

FRANKFURT/M. Denn nur wenige Wirtschaftsbereiche sind bislang noch derart intensiv reguliert wie der Handel mit Arzneimitteln. Der Gesetzgeber schreibt nicht nur vor, von wem und unter welchen Bedingungen Arzneimittel verkauft werden dürfen. Er regelt im Detail auch Handelsspannen und Preisaufschläge, verbietet den Aufbau von Apothekenketten ebenso wie den Versandhandel mit Medikamenten.

Doch inzwischen stehen die Zeichen auf Deregulierung. Das Bundesgesundheitsministerium denkt über eine Reform der Arzneimittelpreisverordnung ebenso nach wie über eine, wenn auch ganz behutsame, Abkehr vom so genannten Fremd- und Mehrbesitzverbot sowie eine Freigabe des Versandhandels.

Rückenwind für diese Pläne dafür erhält sie nicht zuletzt aus Brüssel und Luxemburg. Die Generalanwältin am Europäischen Gerichtshof stellte vor kurzem das deutsche Versandhandelsverbot als nicht konform mit dem EU-Recht in Frage. Ein Urteil in dem Verfahren deutscher Apotheker gegen die niederländische Internet-Apotheke DocMorris steht zwar noch aus. Doch folgt der EuGH meist der Argumentation der Generalanwälte.

Wie eine Reform des deutschen Apotheken-Systems im Detail aussehen wird, ist indessen alles andere als klar. Noch liegt aus Berlin nicht viel mehr vor als ein so genannter Rohentwurf, über dessen Ideen die Interessengruppen bereits heftig streiten und gegen den unionsregierte Bundesländer intensiven Widerstand angekündigt haben.

Vorgesehen ist danach unter anderem die Freigabe von Apothekenketten mit bis zu fünf Apotheken und ein Versandhandel im Rahmen der Arzneimittel-Preisverordnung und Zulassungsvorschriften. Eine solche Reform würde nach Erwartung von Branchenkennern dazu führen, dass einzelne Apotheken ihre lokale Position ausbauen und gleichzeitig in den Versandhandel drängen.

Wesentlich dramatischer würde sich ein völliger Wegfall des Fremd- und Mehrbesitzverbots auswirken. Denn damit wäre vor allem für die Pharmagroßhandels-Konzerne der Weg in Richtung Apothekenketten frei. Überall dort, wo der Gesetzgeber es erlaubt, sind die drei europaweit tätigen Großhändler Gehe, Phoenix und Alliance Unichem längst auch im Einzelhandel engagiert. In Deutschland dringen sie zwar nicht auf die Einführung von Apothekenketten. "Aber sollten sie zugelassen werden, sind wir am nächsten Tag im Geschäft", räumt Gehe-Chef Fritz Oesterle ein.

Ob ein derartige Deregulierung zusätzliche Effizienz bringt, ist umstritten. Der Anteil der Distributionskosten an den Arzneimittelausgaben ist nach Daten des Großhandels in den vergangenen beiden Jahrzehnten bereits von rund 38 % auf 29 % zurückgegangen und damit im internationalen Vergleich relativ niedrig. Die Handelsspanne der Apotheken liegt nach Angaben des Branchenverbandes ABDA in Deutschland mit knapp 18 % deutlich unter dem Niveau in Großbritannien (33 %), wo es seit langem Apothekenketten gibt. Zudem sehen sich die Apotheker wirtschaftlich ohnehin bereits massiv unter Druck, nachdem das Beitragssicherungs-Gesetz dem Pharmahandel im vergangenen Jahr mehr als 900 Mill. Euro Zwangsrabatte auferlegte. Sind die Einkommen der Branche in den Vorjahren noch stetig gewachsen, drohen sie nun nach Schätzung der ABDA um mehr als ein Drittel zu schrumpfen. Weil vor allem kleinere Häuser diese Belastungen nicht mehr verkraften, ist die Zahl der Apotheken 2002 erstmals seit Jahrzehnten zurückgegangen. Diese Strukturbereinigung dürfte sich 2003 beschleunigen. Viele Effekte, die man sich von einer Grundreform des Systems erhofft, werden damit schon vorweggenommen.

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