Zwei nagelneue Bahnhöfe gebaut
Kostenraserei bei der Deutschen Bahn

Heute startet die Jungfernfahrt auf der ICE-Strecke zwischen Köln und Frankfurt. Das hohe Tempo fordert seinen Preis. Egoismen haben die Kosten nach oben getrieben.

Zwei überdimensionale Poster an der Außenfront des Kölner Messeturms kündigen die neue Zeitrechnung an. Die Plakate zeigen eine riesige "1" und dazu den Spruch: "Die Bahn schenkt Ihnen eine Stunde." Um eine Stunde, auf dann 76 Minuten, schrumpft vom 1. August an die Schienenreisezeit von Köln nach Frankfurt am Main mit dem ICE, fast immer parallel zur Autobahn A 3. An der Jungfernfahrt heute nimmt auch die Ehefrau des Kanzlers, Doris Schröder-Köpf teil.

Von Bahnchef Hartmut Mehdorn als das herausragende deutsche Infrastrukturprojekt gepriesen, ist die knapp 180 Kilometer lange ICE-Schnellbahn auch ein Lehrstück dafür, wie regionale Egoismen, gepaart mit politischer Selbstbedienungsmentalität, ein seit den 70er-Jahren als volkswirtschaftlich nützlich erkanntes Vorhaben immer wieder verzögert und nicht unerheblich verteuert haben.

Jahrelang lagen Bund und Länder im Clinch, um die geeignete Trasse zu finden. So schwer war es, die Interessen gleich dreier Bundesländer unter einen Hut zu bringen - Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen. Als Kompromiss kam dabei die parallele Bahn zur Autobahn heraus. Ergänzt wird sie um teure Extras wie beispielsweise den aufwendigen Anschluss an Wiesbaden, wohin die Bahn schon seit Jahrzehnten so gut wie keine Intercitys schickt, weil es sich nicht lohnt. Und zwei nagelneue Bahnhöfe wurden in Montabaur, Rheinland-Pfalz, und Limburg, Hessen, an der Tempo-300-Strecke gebaut, im Abstand von nur 20 Kilometern. Auch die alte Bundeshauptstadt musste bedacht werden: Sie bekommt ihren Stopp an der ICE-Linie in Siegburg.

Was das Projekt unter dem Strich gekostet hat, ist noch unklar. Denn noch ist nicht vollständig abgerechnet, noch sind auch nicht alle Bauvorhaben abgeschlossen. Bringfried Belter, Chef der Bahntochter DB Bau-Projekt, die als Bauherr fungiert, hält eine Bausumme von 6 Mrd. ? für realistisch, mit "ein bis zwei Prozent Unsicherheit, doch die dann eher nach unten". Klar ist dagegen, dass sich die Fahrpreise in beiden Klassen pro einfacher Fahrt um je 12 ? erhöhen.

Die Finanzierungsvereinbarung von Bund und Bahn aus dem Jahr 1995 hatte lediglich 7,75 Mrd. DM, also etwa 3,9 Mrd. ? vorgesehen. In Bahnkreisen ist es ein offenes Geheimnis, dass der damalige Bahnchef Heinz Dürr bewusst knapp kalkulieren ließ, um das immer wieder verschobene Jahrhundertprojekt politisch überhaupt noch durchsetzen zu können. Die damals schon Not leidende Bauindustrie, so erinnert sich ein Beteiligter, "hat das Blaue vom Himmel versprochen, nur um den Auftrag zu bekommen". Doch schon nach der Erteilung der Orders habe sie mit dem "Nachtragsmanagement" begonnen "und mehr Juristen als Ingenieure eingestellt", um Nachforderungen geltend zu machen.

Ursprünglich war die Jungfernfahrt viel früher geplant. Die mehrjährige Verspätung resultiert aus der schwierigen Geologie und aus einem weiteren Posten in der Bauherren-Bilanz - auf "Bauverzüge". Bis zu zwei Jahre mussten die Bagger mancherorts auf ihren Start warten, weil Sonderwünsche und Einsprüche von Kommunen und Kreisen erfüllt oder per Gerichtsbeschluss ausgeräumt werden mussten.

Nahezu 30 Mill. ? mussten für die beiden ICE-Bahnhöfe Limburg-Süd und Montabaur/Koblenz ausgegeben werden. Eine Bund-Länder-Vereinbarung hatte eigentlich nur einen gemeinsamen Bahnhof in der Region vorgesehen, doch Hessen und Rheinland-Pfälzer konnten sich nicht einigen. Regelmäßige ICE-Stopps hat die Bahn aber nur für zwei Jahre fest zugesagt; sie wartet auf die "Abstimmung mit den Füßen der Reisenden", prüft also erst einmal das Kundenpotenzial.

Das Lahntal wird der ICE auf einer eleganten Bogenbrücke überqueren. Die war um 4 Mill. ? teurer als ein Standard-Bauwerk. Dessen Pfeiler hätten mitten in der Lahn gestanden - was dem örtlichen Ruderverein ein Eingriff in seine Haus-Regattastrecke bedeutete; er fand politisches Gehör.

Sündhaft teuer wird der von Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Ernst Schwanhold (SPD) als "Impulsgeber Nummer 1" für die Region gefeierte, 15 Kilometer lange Flughafenbogen, der den Airport Köln-Bonn ab 2004 an die neue Strecke anschließen soll. Allein dieses Projekt verschlingt rund eine halbe Milliarde Euro zusätzlich und wird die Reisezeit des ICE zwischen Frankfurt und Köln um wenigstens sieben Minuten, immerhin zehn Prozent der Gesamtreisezeit, verlängern.

Die Trasse kreuzt dabei die Weiden des renommierten Gestüts Röttgen. Um die "Deckfähigkeit" der Hengste nicht zu beeinträchtigen, wird die Bahn in einen über 10 Mill. ? teuren Tunnel verbannt - dem Flughafen- und Autobahnlärm jedoch bleibt das Liebesleben der edlen Vierbeiner weiter ausgesetzt.

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