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Zweieinhalb Jahre Jugendstrafe für "S-Bahn-Schubser"

Der Hamburger „S-Bahn-Schubser“ ist wegen versuchten Totschlags zu einer Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt worden. „Der Angeklagte war sich bewusst, dass sein Handeln möglicherweise zum Tod der Geschädigten führen kann.“

dpa HAMBURG. Der Hamburger "S-Bahn-Schubser" ist wegen versuchten Totschlags zu einer Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt worden. "Der Angeklagte war sich bewusst, dass sein Handeln möglicherweise zum Tod der Geschädigten führen kann."

So begründete der Vorsitzende Richter Egbert Walk am Mittwoch den Schuldspruch des Hamburger Landgerichts. Freunde und Verwandte des 19 Jahre alten Angeklagten quittierten den Urteilsspruch mit lauten Unmutsäußerungen und Protesten. Vor dem Gericht spielten sich tumultartige Szenen ab. "Die Medien sind schuld, dass das so aufgeputscht wurde", schimpfte ein Freund des Verurteilten.

Der 19-Jährige hatte im Prozess gestanden, am 2. Mai eine 21- Jährige in Richtung einer anfahrenden S-Bahn gestoßen zu haben. Die Frau entging nach Darstellung von Zeugen nur knapp dem Tod. Die Tat im Bahnhof Reeperbahn war von einer Überwachungskamera aufgezeichnet worden. In das Urteil flossen auch Strafen für Körperverletzung in mehreren Fällen und der illegale Aufenthalt des Türken in Deutschland ein. Strafmildernd wertete die Kammer, dass der Täter bereute und sich bei seinem Opfer entschuldigte. Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre und neun Monate Haft gefordert.

Ein Video sollte kurz vor Urteilsverkündung noch die Wende im Prozess herbeiführen. RTL hatte in der Sendung "Stern TV" ausführlich das Opfer zu Wort kommen lassen - und den 19 Jahre alten Angeklagten nach Meinung seines Verteidigers an den Pranger gestellt. Immerhin hielt der Richter dem Angeklagten zugute, die "teils vorverurteilende Berichterstattung" sei eine erhebliche Belastung für den 19-Jährigen gewesen. Dessen Verteidiger Matthias Wisbar lobte die Kammer denn auch, dass sie sich "von der auch in den Medien geschürten Lynchstimmung nicht beeindrucken lassen hat".

Wisbar wirkte nach dem Schuldspruch gleichwohl zerknirscht, hatte er doch sein Ziel nicht erreicht, den Stoß seines Mandanten nur als Körperverletzung zu werten. Freunde und Verwandte des Täters wurden deutlicher: "Das ist echt Schwachsinn", brüllte einer.

Nach Überzeugung des Gerichts gab der 19-Jährige seinem Opfer gezielt einen kräftigen Stoß und nahm den möglichen Tod der jungen Frau "billigend in Kauf". "Sie müssen lernen, dass sie sich auch unter Alkoholeinfluss nicht zu Taten hinreißen lassen, die das Leben anderer gefährden." Ein Alkoholtest hatte 2,26 Promille ergeben. Opferanwalt Manfred Kartes begrüßte das Urteil: "Für uns ist es eine Genugtuung, dass eine Verurteilung ausgesprochen wurde, die nicht dazu führt, dass der Täter übermorgen in der Türkei ist."

Die Mutter des jungen Türken ließ ihren Tränen freien Lauf, ihre Begleiter waren wütend. Sie halten das Urteil für überzogen und ungerecht. Und sie nehmen dem 21 Jahre alten Opfer nicht ab, von der Tat so traumatisiert zu sein, wie die junge Frau dies vor Gericht zu Protokoll gab: "Nach ein paar Wochen geht sie wieder feiern bis morgens um sechs." Opferanwalt Manfred Kartes sieht das anders: "Für sie ist diese Sache noch lange nicht vorbei."

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