Zweifel an Homogenität der Altersgruppe der Senioren
Altersentwicklung könnte Reformbemühungen lähmen

Reformen der sozialen Sicherungssysteme sind unvermeidbar, da sind sich Experten einig. Mit den Reformschritten muss sich die Bundesregierung nach Einschätzung von Politik- und Wirtschaftsforschern auch beeilen, denn schon bei der nächsten Bundestagswahl könnte die ältere Generation die Mehrheit der Wähler stellen.

Reuters FRANKFURT. Denkbar wäre, dass dies den Reformeifer der Parteien bremst. "In der Wahlforschung ist bereits absehbar, dass bei der nächsten Wahl rund 60 Prozent derjenigen, die wählen gehen, über 50 sind", sagt Karl-Rudolf Korte, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg. Dies könne einen Reformstau auslösen. Denn zum einen würde eine Reform der Sozialversicherung vor allem die Älteren betreffen. Zum anderen seien Menschen umso weniger zu Änderungen bereit, je älter sie würden. Andere Experten sind dagegen noch unschlüssig, wie sich die steigende Zahl von älteren Bürgern auswirken wird.

"Blockademöglichkeiten durch die Älteren kommen schnell"

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn etwa hat berechnet, dass es nach 2015 bei der Rentenversicherung keine Mehrheit mehr für den Umstieg vom Umlageverfahren auf eine kapitalgedeckte Vorsorge geben würde. Denn ab dann seien die Jungen, für die sich ein Wechsel noch lohne, in der Minderheit. "Wenn die Älteren die Überhand haben, werden sie versuchen, die Jungen zu immer mehr Zahlungen zu bewegen, beziehungsweise die bestehenden beizubehalten", prognostiziert Sinn. Sinn ging dabei von der Gesamtheit der Wahlberechtigten als Basis aus.

Doch nach Einschätzung von Politikwissenschaftler Korte reicht es schon, wenn die Älteren die Mehrheit derjenigen stellten, die tatsächlich wählten. Die höchste Wahlbeteiligung haben einer Demografie-Studie der Deutschen Bank zufolge nämlich Wähler über 45. "Diese Blockademöglichkeiten kommen also nicht irgendwann, sondern immer schneller auf uns zu", sagt Korte. "In bestimmten Bereichen sehen wir jetzt schon, dass Änderungen kaum gegen den Willen der Älteren durchgesetzt werden können", sagt Wolfgang Merkel, Professor für Politische Wissenschaft in Heidelberg. Dies gelte insbesondere für den Bereich Krankenversicherung, weil er für Menschen über 55 Jahren eine größere Bedeutung habe als für 20-Jährige.

Nach Kortes Worten besteht die Gefahr eines Reformstaus zumindest dann, wenn die Älteren Parteien wählten, die ihnen den größten Vorteil versprächen. "Dieses Eigennutz orientierte Entscheiden nimmt aber ohnehin zu." Auch die sinkende Zahl von Geburten könnten dazu beitragen. Denn so gebe es umso weniger Menschen, die im Interesse ihrer Kinder wählten, sagt Marco Neuhaus, Mitautor der Studie der Deutschen Bank.

"Da braut sich einiges zusammen, ohne dass die Politik es anpackt, auf Grund der Sorge, dass die Alten von der Stange gehen", sagt Elmar Wiesendahl, Professor für Politikwissenschaft an der Universität der Bundeswehr in München. Politik sei wahl- und wiederwahlabhängig. Und die über 60-Jährigen machten bereits ein Drittel der Gesellschaft aus. Außerdem seien sich ihre Interessen wesentlich ähnlicher als die der Jüngeren, so dass sie sich als Zielgruppe leichter ansprechen ließen. "So fällt ihre Interessenlage in der Politik stärker ins Gewicht."

Zweifel an Homogenität der Altersgruppe der Senioren

Der Tübinger Politologe Josef Schmid sieht die Problematik nicht so extrem: Zum einen seien Ältere keine so homogene Gruppe: "Zum Beispiel gibt es einen ziemlichen Unterschied zwischen meiner Rente und die unserer Institutssekretärin." Außerdem seien kleinere Parteien weniger anfällig für die Fixierung auf Interessen Älterer. "Und durch den Koalitionszwang wird man so Abstand von den Rentenversprechungen nehmen." Auch die Annahme, dass Ältere nicht so flexibel seien, hält Schmid nicht für richtig. "Warum sollten die "Jungen Alten' in ihrer Freizeit vollkommen mobil sein und in ihrer Wahl total unflexibel?"

Das bestätigt auch die Kasseler Soziologin Gertrud Backes: "Aus Sicht der Entwicklungspsychologie sind Menschen lebenslang entwicklungsfähig." Heute seien die meisten Älteren geistig wesentlich beweglicher als Gleichaltrige vor 30 Jahren. Für Schmid ist die Zahl der Älteren kein Signal für einen Reformstau: "Mathematisch ist das sicherlich richtig." Bei Wahlen spielten aber auch Werte eine große Rolle und nicht nur das, was für den Geldbeutel heraus komme. Seiner Meinung nach sind Rentner auch zu Einbußen bereit, die Politik müsse nur die Zusammenhänge kommunizieren. "Wenn es heißt, wir müssen eine Schule schließen, damit das Altenheim ein neues Schwimmbad kriegt, dann würde man eher auf das Schwimmbad verzichten."

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