Zweifel an nachhaltigem Aufschwung
Euphorie im Goldsektor schlägt in Ernüchterung um

Wie schnell sich das Blatt wenden kann. Noch Anfang Juni hatte Gold seine Anhänger in Euphorie versetzt. Der Preis hatte mit 330 $ den höchsten Stand in fast drei Jahren erreicht. Inzwischen hat die Stimmung komplett gedreht. Schuld daran ist der plötzliche Absturz des Goldes auf zeitweise unter 300 $.

HB KAPSTADT. Zwar liegt der Gold-Preis mittlerweile wieder bei 308 $. Doch statistisch war die letzte Juliwoche für Gold die schlimmste Woche in den letzten 30 Monaten. Der Preis ist zudem trotz schwacher Weltbörsen und einer globalen Unsicherheit eingebrochen, also in einem Umfeld, dass dem Goldpreis gewöhnlich zugute kommt.

Die südafrikanischen Goldfirmen haben ein weiteres Problem: die Unsicherheit über die künftige Bergbau-Charta. Nach einem ersten Entwurf sollen schwarze Unternehmen binnen zehn Jahren 51% der Kontrolle aller neuen Gruben erhalten. Minenaktien fielen daraufhin um fast 10%; Goldwerte büßten im Schnitt sogar mehr als 15% ein.

Der Absturz des Goldpreises verblüffte selbst Analysten, die seit längerer Zeit mit einer Korrektur gerechnet hatten. "Ich bin über das Ausmaß des Rückfalls schockiert", gesteht Shapiro vom Johannesburger Brokerhaus SG Securities. Für ihn ist der Abwärtstrend ein Indiz dafür, wie anfällig Gold im Umfeld eines starken Dollars ist - und wie groß die Korrelation selbst bei volatilen Aktienmärkte bleibt.

Inzwischen haben die Goldtitel im Standard & Poor?s-500-Index ihre von Januar bis Mai erzielten Zugewinne von bis zu 50 % weitgehend eingebüßt. Gegenüber Dezember 2001 sind sie sogar um 4 % gefallen. Ein Grund ist das insgesamt geringere Interesse an Goldaktien. Zudem fiel die Nachfrage der Juweliere - den mit Abstand größten Gold-Konsumenten - 2001 um fast 4 % auf 3 006 t. Gleichzeitig stieg die Minenproduktion um knapp 1 % auf 2 604 t. Eine der größten Unwägbarkeiten am Markt bleiben die hohen Goldreserven der Notenbanken von rund 30 000 t. Damit wurde der jährliche Nachfrageüberhang von 500 bis 1 000 t stets durch Verkäufe wettgemacht und so eine nachhaltige Preiserholung verhindert.

Trotzdem ist Pessimismus unangebracht. Denn das neue geopolitische Umfeld hat die Lage am Goldmarkt zweifellos verändert. Skeptiker scheinen auch zu vergessen, dass sich der Preis nach dem Terroranschlag am 11. September zunächst kaum bewegte, was sofort Spekulationen über ein Ende der Erholung nährte. Er legte erst einige Wochen später kräftig zu. Zerschlagen aber hat sich wohl die Hoffnung auf einen schnellen Anstieg auf 350 $ oder mehr, wie ihn u.a. Andy Smith von Mitsui Global Precious Metal prophezeit.

Auch die meisten Goldkonzerne rechnen mittelfristig nach wie vor mit einem steigenden Goldpreis. Ein Indiz dafür sind stark rückläufige Terminverkäufe (Hedging). Selbst traditionelle Hedger wie der größte südafrikanische Produzent Anglogold und die kanadische Barrick Gold, die in Erwartung fallender Notierungen ihr Gold jeweils zum aktuellen Preis auf Jahre im voraus verkauft hatten, haben vom Hedging Abstand genommen. Bobby Godsell, Chef von Anglogold, gab letzte Woche jedoch bekannt, die Hedging-Positionen fortan nur noch geringfügig zu verkleinern.

Seit dem Höchststand im Mai hat der Index der Börse Johannesburg über 40 % eingebüßt, was attraktive Einstiegsmöglichkeiten eröffnet. Für Anlagen im Goldsektor sprechen laut Leon Esterhuizen von UBS Warburg vor allem die ausgezeichneten Gewinnausweise. Anglogold nahm in den ersten sechs Monaten 8,5 Mrd. Rand (850 Mill. Euro) durch Goldverkäufe ein und konnte mit einem Anstieg auf 1,64 Mrd. Rand (164 Mill. Euro) den Gewinn beinahe verdoppeln. Der einst viel kleinere Konkurrent Gold Fields ist inzwischen zur weltweit profitabelsten Goldfirma aufgestiegen und hat mit einem Börsenwert von 48 Mrd. Rand (4,8 Mrd. Euro) zu Anglogold aufgeschlossen.

Wie in der Vergangenheit dürfte das Schicksal des Goldes und der Goldaktien an die Entwicklung des Dollars gekoppelt sein. Kelvin Williams, Finanzchef von Anglogold, rechnet mit einer weiteren Abwertung des Greenbacks - und damit verbunden einer Fortsetzung der unterbrochenen Rally im Goldsektor. Unklar bleibt, was passiert, wenn sich die Aktien erholen und Fondsgelder umgeschichtet werden.

Das Dilemma für Gold liegt auf der Hand: Zwar könnte eine Konjunkturbelebung die Nachfrage der Juweliere stärken, gleichzeitig aber auch das Interesse der Anleger schwächen. Welche Entwicklung der Markt nehmen wird, hängt somit davon ab, welcher der Effekte am Ende überwiegen wird.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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