Zweifel an Qualitätsvergleichen
Analysten-TÜV gerät in die Kritik

Das Bankhaus Arnold & S. Bleichroeder ist unversehens zum Star geworden. Denn sein Analysten-Team bekommt Top-Noten von der Citibank Privatkunden AG. Seit einigen Wochen bietet die Bank ein aus ihrer Sicht neuartiges "Tool", mit dem man die Qualität von Analysten vergleichen kann, kostenlos im Internet an.

DÜSSELDORF. Bei allen positiven und bei neutralen Empfehlungen gibt es Pluspunkte, wenn die Aktie anschließend steigt, bei negativen, wenn sie fällt. Dabei wird eine Prozentzahl errechnet, die angibt, an wie vielen Tagen in den sechs Monaten nach der Empfehlung der Kurs auf der richtigen Seite stand.

Auffällig bei dem System: Die Kursbewegung wird absolut bewertet, nicht etwa relativ zu einer Branche oder einem Index. Geht man davon aus, dass immer noch mehr Kauf- als Verkaufsempfehlung gegeben werden, dann dürften Analysten, deren Branche gerade gut läuft, bei dieser Messung automatisch recht gut abschneiden. Ein weiterer Kritikpunkt, den auch Sven Heide von der Citibank einräumt: Das System unterscheidet nicht, ob eine Bank hunderte von Empfehlungen pro Jahr abgibt oder ein Dutzend.

Es viele Ansätze, um Analysten zu vergleichen. Eine einfache Methode ist, Großinvestoren nach ihrer Meinung zu fragen - so machen es Institutional Investor und Thomson Extel Survey. Die Ergebnisse haben einen großen Imagewert. Sie beruhen aber nicht auf nachprüfbaren Fakten.

Einen anderen Ansatz verfolgt AQ in London. Das Unternehmen vergleicht die Schätzungen, die Analysten im Voraus für Gewinne je Aktie abgeben, mit den später veröffentlichten Werten. Punktabzüge bekommen dabei Analysten, die zu häufig ihre Meinung ändern. Die Kritik an diesem Ansatz liegt nahe: Die Gewinnschätzung allein ist nur die halbe Miete. Die andere Hälfte ist die Schlussfolgerung daraus. AQ möchte sein System daher im kommenden Jahr ausbauen und auch die Empfehlungen bewerten.

Eher dem Ansatz der Citibank verwandt sind die Systeme der amerikanischen Anbieter Investars und Starmine. Sie versuchen ebenfalls, den absoluten Erfolg der Empfehlungen zu messen. Dazu wird bei beiden Anbietern ein Musterportfolio gebildet. Je nach Stärke der Empfehlung werden mehr oder weniger Aktien eingebucht. Starmine "kauft" zum Beispiel zwei Spieleinheiten einer Aktie bei einer Empfehlung "strong buy", eine bei "buy". Investars kauft bei "strong buy" 450 000 Aktien und bei "buy" 300 000. Bei neutraler Einschätzung geschieht nichts, bei Verkaufsempfehlungen wird im Zweifel leer verkauft, wenn die Aktie noch nicht im Bestand war. So kann man jederzeit exakt verfolgen, wie sich das jeweilige Portfolio entwickelt. Angeboten werden diese Verfahren vor allem, um Analysten, die dieselbe Branche oder dieselbe Aktie abdecken, zu vergleichen. Die Methodik von Investars und Starmine erscheint vergleichsweise ausgefeilt.

Wer benutzt diese Systeme? AQ hat nach eigener Aussage unter anderem Großinvestoren und Investment Banken als Kunden. Aber nicht alle Profis sind begeistert. Viele Fondsmanager beachten ohnehin die Empfehlungen der Analysten nicht. "Wir verlassen uns auf niemanden", sagt Thomas Richter von der DWS. "Die Analysten nehmen uns nur die Rechenarbeit ab, das Urteil bilden wir uns selbst." Die Banken verwenden zum Teil eigene Systeme, um ihre Analysten zu beurteilen. Zum Beispiel HSBC: Dort wird ihr Erfolg relativ zur Branche gewertet - also ihre tatsächlich Leistung, wie Thomas Teetz von HSBC Trinkaus erläutert.

James Ritchie von der Commerzbank hält gar nichts von externen Anbietern: "Diese Leute verschwenden meine Zeit. Mich interessiert in erster Linie, was meine Kunden über unsere Analysten sagen." Sein Ärger rührt von einem Streit mit AQ her, ausgelöst durch Probleme in der Datenübertragung; ein "Missverständnis", wie Graham Field von AQ es darstellt.

Fazit: Die Systeme, um die Qualität der Analysten zu messen, sind von unterschiedlicher Qualität. Vergleiche quer durch alle Branchen dürften aber meist nur wenig Aussagekraft haben.

Quelle: Handelsblatt

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