Zweifel an Streikbereitschaft
Für die Bau-Gewerkschaft geht es jetzt „um alles“

Die Machtprobe beginnt: "Jetzt geht?s um alles oder nichts!" stimmt die Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) ihre Basis per Streikaufruf auf den Arbeitskampf ein. "Wer auch künftig akzeptable Tarifverträge als Grundlage seiner Beschäftigungsbedingungen haben will, darf sich jetzt nicht zurücklehnen, sondern muss sich engagieren."

DÜSSELDORF. Mit einem bundesweiten Warnstreik am Freitag will die Gewerkschaft die 950 000 Beschäftigten der Branche für die entscheidende Phase des bereits gut drei Monate dauernden Tarifstreits mit den Bauarbeitgeberverbänden ZDB und HDB mobilisieren. Am Montag soll dann die Urabstimmung über den unbefristeten Erzwingungsstreik starten, den die IG Bau vom 17. Juni an führen will.

Nicht nur für die Arbeitgeber, auch für die Gewerkschaftsführung steht viel auf dem Spiel: Da es der erste große Bau-Arbeitskampf seit über 50 Jahren ist, gibt es wenig Erfahrungen, wie streikbereit die Basis ist - und welche tarifpolitische Wirkung sich dabei erzielen lässt.

Der Warnstreik werde daher nicht nur Mobilisierungshilfe, sondern auch Stimmungstest sein, räumt die IG Bau ein. Der Verlauf dürfte mitentscheiden, wie rasch die Tarifparteien ihren gegenseitigen Aufforderungen folgen und an den Verhandlungstisch zurückkehren, nachdem die Schlichtungsgespräche am Samstag gescheitert waren. "Wir sind vor allem gespannt, welche Mobilisierung der IG Bau im Osten gelingt", erläutert Heiko Stiepelmann, Sprecher des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB).

Die Schlichtung scheiterte unter anderem daran, dass sich die ostdeutschen Arbeitgeber einer Anhebung des Mindestlohns von bisher 8,63 Euro auf Westniveau (derzeit 9,80 Euro) widersetzten. Sie sehen sich kaum in Konflikt mit den ostdeutschen Arbeitnehmern - die seien "viel mehr an sicheren Arbeitsplätzen interessiert, als an höheren Löhnen", glaubt Stiepelmann.

Zugleich droht den Arbeitgeberverbänden eine weitere Erosion - zumal, wenn sie die Interessen ihrer ohnehin wenigen ostdeutschen Mitgliedsfirmen ignorieren: Im Januar hat sich mit dem ZVOB ein tariffreier Bau-Verband für den Osten gegründet, der dort nach eigenen Angaben bereits ebenso viele Firmen organisiert wie der etablierte Zentralverband des Baugewerbes (ZDB).

Selbst bei schwacher Warnstreikbeteiligung heute muss die IG Bau aber kaum fürchten, das Quorum von 75 % bei der bevorstehenden Urabstimmung zu verfehlen - solange sich nicht starke Kräfte dem Vorstandskurs aktiv widersetzen: Es gilt der Anteil der Ja-Stimmen an den abgegebenen Stimmen, nicht an den gut 300 000 Stimmberechtigten.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi weitete ihre Streiks am Donnerstag erneut aus. Bei der Post legten abermals mehrere Hundert Beschäftigte die Arbeit nieder. Bereits am Vortag waren laut Verdi wegen Streiks 20 Millionen Briefe liegen geblieben. In der Versicherungsbranche streikten 1 500 Mitarbeiter mehrere Stunden lang. Auch im Tarifstreit des Handels kam es zu neuen Aktionen.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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