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Zweifelhafte Praktiken gefährden den Ruf der Wall-Street-Firmen

Die große High-Tech-Party an der Wall Street ist vorbei. Beim Aufräumen kommt derzeit stückweise ans Licht, welche Exzesse es in dem Spekulationsrausch gegeben hat. Mehrere Strafgerichte, Zivilgerichte, Untersuchungsausschüsse, Verbandskommissionen und der US-Kongress sondieren in Anhörungen und Gerichtsverfahren, wer bei der Spekulationswelle den großen Reibach gemacht hat.

Die Liste der Ungeheuerlichkeiten ist lang. Als Stars gefeierte Investmentbanker und Analysten haben sich offenbar bedenkenlos auf Kosten privater Investoren bereichert.

Da war zum Beispiel das lukrative Geschäft mit Börsengängen. Als der High-Tech-Boom auf seinem Höhepunkt war, erwiesen sie sich als wahre Geldmaschinen. Die rasanten Kursgewinne des ersten Handelstags teilten Investmentbanker, Fondsmanager und Wertpapieranalysten in einem raffinierten Zusammenspiel unter sich auf - am privaten Investor vorbei.



Gegen maßlos übertriebene Provisionen haben Investmentbanker der Konsortialführer die Emissionswerte an bevorzugte Fondsmanager und Institute verteilt. So schnellten die Handelsgebühren in den Tagen um einen attraktiven Börsengang herum manchmal von fünf Cent pro Aktie auf einen Dollar hoch, berichteten Mitarbeiter einer Investmentbank.



Bonuszahlungen in Millionenhöhe



Die begünstigten Fonds und Banken zahlten klaglos, schließlich konnten sie damit rechnen, dass sich ihr Kapitaleinsatz an einem Tag im Schnitt verdoppeln würde. Obendrein verpflichtete sich der Kreis der privilegierten institutionellen Anleger häufig, später noch einmal Aktienpakete nachzukaufen. Das brachte den Banken zusätzliche Provisionen und jagte den Kurs der neuen Papiere weiter hoch.



Wertpapieranalysten trieben mit ihren rosigen Bewertungen und drastisch übertriebenen Gewinnprognosen die Kurse zusätzlich nach oben. Ein lohnendes Geschäft. Für erfolgreich über die Bühne gebrachte Börsengänge erhielten Analysten von ihren Banken oft Bonuszahlungen in Millionenhöhe.



Daneben beteiligten sich Analysten und Investmentbanker teilweise selbst an den betreuten Börsenneulingen. Über eine eigene Vermögensverwaltung für wohlhabende Kunden und Risikokapitalgeber haben sich beispielsweise Top-Banker der Investmentbank CSFB schon vor dem Börsengang bei ihren Startups eingekauft. Die Banker machten die jungen Firmen börsenfähig und stießen die Beteiligungen einige Zeit nach dem Börsengang wieder ab.



Der erste Börsentag brachte gewöhnlich das beste Geschäft. Etwa 66 Milliarden Dollar Gewinn sind in den Jahren 1999 und 2000 allein über Kursgewinne am ersten Handelstag junger Aktien geschaffen worden. Dies ist eine ungeheuer hohe Summe, wenn man sie mit den offiziellen Betreuungsprovisionen der Emissionsbanken vergleicht. Diese betrugen im selben Zeitraum sieben Milliarden Dollar.



Ansehen aufs Spiel gesetzt



Die Berufsgruppe der Wertpapieranalysten steht jetzt auch unabhängig von ihrem Interessenkonflikt bei Börsengängen im Kreuzfeuer. Um die phänomenale Kursentwicklung überteuerter jungen Aktien nicht aufzuhalten, haben sie völlig neue Bewertungsmaßstäbe erfunden. Denn meist hätten die alten Messlatten den Besitz der Aktie längst nicht mehr gerechtfertigt. Viel zu spät, teilweise erst lange nach einem Kurseinbruch, haben sie dann ihre zum Kauf empfohlenen Aktien wieder heruntergestuft. Wer etwa den Kaufempfehlungen der Investmentbank Goldman Sachs zur Internetaktie Priceline.com gefolgt wäre, hätte knapp 94 Prozent seines Einsatzkapitals verloren. Es soll Fälle gegeben haben, in denen Analysten Aktien immer noch zum Kauf empfahlen, als sie die Werte selbst schon längst verkauft hatten.



Die Wall Street steht im Ruf, strengere Insider-Regeln zu besitzen als jedes andere Land. Hier hat sie ihr Ansehen aufs Spiel gesetzt.



Die Analysten-Vereinigung will sich nun einen freiwilligen Verhaltenskodex geben. Doch es wird offenkundig, dass auch die aus den dreißiger Jahren stammenden Wertpapiergesetze dringend überholt werden müssen. Es ist bis jetzt nicht verboten, dass Analysten selbst schon ihren Bestand an einer bestimmten Aktie verkaufen, bevor sie das Papier herabstufen. Auch ist es gestattet, dass sie beim Börsengang einer Firma Mitglied im Beratungsteam sind und gleichzeitig öffentliche Empfehlungen zu dem Wert abgeben. Im Zweifel können sie sich auf das Recht der freien Rede berufen. Das Mindeste wäre, dass solche Eigeninteressen des Analysten dem Investor gegenüber kenntlich gemacht werden müssen.



Im Fall der geplatzten High-Tech-Blase kommt für die Privatanleger jeder verbesserte Schutz zu spät. Sie halten heute 75 Prozent aller Internetaktien. Die Profis sind aus den Ramschpapieren längst ausgestiegen.



Analysten sollten eigene Interessen gegenüber Anlegern kenntlich machen.

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