Zweite Amtszeit trotz großer Probleme
Der Polit-Moses vom Potomac: George W. Bush

Für eine kurze Sekunde kam der Präsident ins Stocken. Gerade war George W. Bush gefragt worden, was er nach seiner Wiederwahl am 2. November am meisten vermisst habe. "Ich konnte nicht den Stolz in den Augen meines Vaters sehen", sagte Bush mit sentimentalem Schmelz in der Stimme.

Als der Oppositionskandidat John Kerry am späten Vormittag des 3. Novembers endlich seine Niederlage eingestanden hatte, war Bush senior bereits nach Texas abgereist.

Der Präsident hat es wieder einmal allen gezeigt. Er sei eben der Trampel aus Texas und seinem Vater an Intelligenz und diplomatischer Geschliffenheit um Längen unterlegen, hatten die Experten lange Zeit gelästert. Doch Bush junior biss sich durch: Trotz Chaos im Irak, trotz galoppierenden Haushaltsdefizits und Job-Verlusten schaffte er eine zweite Amtszeit. Der 2. November geriet so zu einem Akt der Befreiung, George W. Bush trat endgültig aus dem Schatten des Seniors, der 1991 seine Wiederwahl vergeigt hatte.

Damit bestätigte sich erneut ein Grundmuster in Bush juniors Biografie: Der Sohn aus einer wohlhabenden Familie musste lernen, hohe Hürden zu überspringen. Als er sich 1994 um den Job des Gouverneurs von Texas bewarb, wurde er zunächst ausgelacht. Das Duell gegen die populäre Amtsinhaberin Ann Richards erschien als politisches Himmelfahrtskommando - doch Bush gewann diese brisante Auseinandersetzung.

Der Präsidentschaftswahlkampf gegen Al Gore 1999 entpuppte sich als ein noch härterer Spießrutenlauf. Als Bush schließlich im Weißen Haus saß, meldeten sich die Zweifler abermals zu Wort: Bei der Ankündigung seines ersten Programms für Steuererleichterungen in Höhe von mehr als 1,3 Billionen Dollar wurde Bush als Träumer verhöhnt. "In seiner ganzen Karriere hat er das Gesetz der Wahrscheinlichkeit widerlegt", meint James Lindsay vom Council on Foreign Relations, einer Denkfabrik in New York.

Der definierende Moment seiner Amtszeit kam mit dem 11. September 2001 und den bis dahin unvorstellbaren Terroranschlägen auf New York und Washington: George W. Bush handelte schnell und mit der geballten Macht des US-Militärs. Zwölf Stunden nach den Anschlägen versammelte er seine engsten Mitarbeiter in einem Bunker unter dem Weißen Haus. "Macht die Truppen bereit", ordnete der Präsident an. "Das ist die Stunde der Selbstverteidigung - das ist unser Moment."

Kaum war das Taliban-Regime in Afghanistan ins Visier gerückt, wurde das Pentagon bereits am 17. September mit der Prüfung einer Irak-Invasion beauftragt. Eine tief verwundete Nation schätzte Bushs zupackende Art und seine Willenskraft im Kampf gegen den Terror. Der Präsident erwarb sich das Prädikat der Führungsstärke in Krisenzeiten - ein politisches Pfund, das ihn in diesem Jahr letztlich zum Wahlsieg trug.

Von Beginn an unterfütterte Bush seine Kampagne mit religiöser Begrifflichkeit. "Freiheit ist Gottes Geschenk an jedes menschliche Wesen auf der Welt", predigte er als Motto für sein Projekt einer Demokratisierung des Nahen Ostens. Und pathetisch, im Stile eines Polit-Moses vom Potomac, fügte er hinzu: "Gott hat uns aufgerufen, unser Land zu verteidigen und die Welt zum Frieden zu führen."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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