Zweites Quartal bereits abgeschrieben
Der Aufschwung kommt – spät

Schlechte Nachrichten für die Regierungskoalition: Nach schwachen Konjunkturdaten wachsen bei Volkswirten die Zweifel, ob sich das Wachstum im zweiten Quartal wie erhofft beschleunigt.

bef/ost DÜSSELDORF. Für Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine rot-grüne Regierungsmannschaft kommt der sich abzeichnende Aufschwung offenbar zu spät. Zwar nimmt die Konjunktur wieder Fahrt auf - allerdings langsamer, als die Bundesregierung und auch viele Volkswirte erhofft hatten. "Der Aufschwung kommt", hatte der Bundeskanzler bereits vor Wochen in Anzeigen versprochen.

Der Konjunktur-Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung legte im Juni leicht zu. Doch die Industrieproduktion stieg im April deutlich langsamer, als Ökonomen erwartet hatten. Bei einigen Volkswirten wachsen jetzt die Zweifel, ob sich das Wachstum im zweiten Quartal wie erwartet merklich beschleunigt.

Auch die deutschen Unternehmen scheinen noch nicht ganz an eine durchgreifende Erholung zu glauben. So spürt die Chemie-Industrie seit April zwar eine Belebung ihres Geschäfts. Doch die Unternehmen haben Bedenken, dass viele der neuen Orders nur entstehen, weil die Kunden ihre Lager auffüllen. "Im zweiten Quartal rechnen wir mit keiner deutlichen Verbesserung", sagte der Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), Wilhelm Simson, dem Handelsblatt. "Erst das dritte oder vierte Quartal wird die Wahrheit bringen."

VW-Chef sieht keinen Aufschwung

Die Chemie gilt als wichtiger Indikator für die Gesamtkonjunktur, weil sie viele Vorprodukte für die Automobil-, Bau- und Elektronikindustrie herstellt. Wichtige Kunden der Chemieindustrie sind noch skeptisch. So sieht VW-Chef Bernd Pischetsrieder den deutschen Automarkt weiter in der Flaute. "Ein Zeichen für einen Aufschwung gibt es nicht", sagte er am Dienstag.

Im produzierenden Gewerbe insgesamt lag der Output im April saisonbereinigt 0,2 % höher als im März, damals war die Produktion noch um 0,3 % eingebrochen. Im Jahresvergleich war der Output arbeitstäglich bereinigt 2,1 % niedriger.

Bankenvolkswirte sind mit den April-Zahlen nicht zufrieden: Sie hatten im Monatsvergleich ein mehr als doppelt so großes Plus erwartet. "Die Industrie tut sich noch schwer", kommentiert Andreas Scheuerle, Ökonom bei der DGZ Bank. -Deka Aber es gibt Aussicht auf Besserung: Die Industrie hat im April deutlich mehr neue Aufträge bekommen als im Vormonat. Daher erwarten die meisten Volkswirte in den nächsten Monaten kräftige Anstiege bei der Produktion.

Finanzministerium: "Aufschwung auf breiter Front"

Die Bundesregierung kommentiert die April-Daten positiv: "Das sind durchaus erfreuliche Zahlen, die zeigen, dass der Aufschwung in Gang gekommen ist", sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums. Das Finanzministerium sieht die Statistik als Beleg für einen "Aufschwung auf breiter Front".

Einige Bankenvolkswirte hingegen machen sich nach dem mageren Plus bei der Industrieproduktion Sorgen. Sie fragen sich, ob es im zweiten Quartal tatsächlich den erhofften Wachstumsschub beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) gibt. Nach dem schwachen April müsse die Industrieproduktion im Mai und Juni deutlich stärker zulegen, damit das BIP kräftiger wachse als im ersten Quartal, sagt Jean-François Mercier, Analyst bei Schroder Salomon Smith Barney. Auch HSBC Trinkaus & Burkhard fürchtet: "Die Belebung beim BIP-Zuwachs könnte sich verzögern."

Insgesamt ist der Optimismus der Finanzmarkt-Experten indes gestiegen: Der ZEW-Konjunktur-Index kletterte im Juni um 3,3 Punkte auf 69,6 Zähler. Im Mai war er leicht gesunken. "Der Indikator stabilisiert sich auf dem hohen Niveau der letzten Monate", so das ZEW.

Auf kurze Sicht zählt Martin Hüfner zu den Optimisten: "Das zweite Quartal hat gut begonnen, es wird ein gutes Quartal werden", sagt der Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank. Er rechnet mit einem BIP-Plus von einem Prozent im Vergleich zum ersten Quartal. Damals lag das Wachstum nur bei mageren 0,2 %. Allerdings: "Der Aufschwung ist nicht nachhaltig, er dürfte sich als Strohfeuer erweisen", fürchtet Hüfner. Sorgen bereiten ihm vor allem die niedrigen Aktienkurse: "Das ist ein Indikator für schlechte Gewinnentwicklung in den Unternehmen."

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