Zwickel steckt neue Kompromisslinien ab
IG Metall geht das Drohpotenzial aus

Sollte bis Sonntagabend keine Lösung im ostdeutschen Metallerstreit gefunden werden, so befürchtet IG-Metall-Chef Klaus Zwickel ein Nebeneinander von vielen verschiedenen Firmentarifverträgen.

DÜSSELDORF. Es könnte wie eine Drohung klingen - doch tatsächlich kommt es im Ton einer nüchternen Bestandsaufnahme daher: Falls sich im Ringen um Arbeitszeitverkürzungen in der ostdeutschen Metallindustrie bis Sonntagabend keine Lösung andeutet, sagt IG-Metall-Chef Klaus Zwickel voraus, "dann wird es sehr schnell gehen". Dann werde zwangsläufig ein vielfältiges Nebeneinander von Firmentarifverträgen die bisher branchenweiten Regelungen verdrängen. Jürgen Peters, Zwickels Vize und designierter Nachfolger, ergänzt nüchtern: "Wir schlagen dann ein neues Kapitel auf."

Die beiden Spitzengewerkschafter, deren Verhältnis seit jeher alles andere als harmonisch ist, eint zurzeit ein Problem: Die IG Metall kann selbst kein Interesse daran haben, den schon bröckelnden Flächentarifvertrag im Osten gänzlich aufzulösen. Allerdings wächst der Zeitdruck, im Konflikt um eine Einführung der 35-Stunden-Woche überhaupt eine Entscheidung herbeizuführen, falls die Gewerkschaft keine offene Niederlage riskieren will.

Denn der bereits fast vier Wochen dauernde Streik droht, abgesehen von wachsendem Unmut westdeutscher Betriebsräte, ab Juli auch noch aus einem ganz profanen Grund ins Leere zu laufen - die Ferienzeit beginnt. Vor diesem Hintergrund habe man sich entschlossen, "die Reißleine zu ziehen", erklärt Peters, warum die IG Metall seit Wochenbeginn Kurs auf neue Gespräche mit den Arbeitgebern nimmt.

Nun soll nach dem Willen beider Seiten tatsächlich wieder verhandelt werden: Nach einer Sondierung mit Beteiligung des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall wollen sich die ostdeutschen Arbeitgeber unter Führung ihres Regionalverbands für Berlin-Brandenburg am Freitagnachmittag mit der IG Metall wieder an einen Tisch setzen. Sollte danach weiter keine Annäherung absehbar sein, wäre nach Lesart der IG-Metall-Spitze klar, dass die Ost-Arbeitgeber ohnehin nur noch auf die Gelegenheit gelauert haben, den Flächentarif auszuhebeln. Und dieser Realität werde man sich dann eben stellen müssen.

Wer nach offenen Gegensätzen zwischen Zwickel und Peters sucht, findet derzeit allenfalls Nuancen. Trotzdem wurde bei einem IG-Metall-Pressetermin am Montagabend recht deutlich, wer die treibende Kraft hinter dem Bemühen um Deeskalation des Tarifkonflikts ist: Dem "alten Fuchs" (Peters über Zwickel) war es vorbehalten, mögliche Verhandlungslinien abzustecken.

Ein ganz neues Feld für Kompromisse eröffnet Zwickel mit der Idee, die Verkürzung der Arbeitszeit mit tarifvertraglich zu regelnden Qualifizierungszeiten zu verknüpfen: Die reguläre Arbeitszeit der Beschäftigten würde dann zwar nach einem Stufenplan von bisher 38 Stunden auf das Westniveau von 35 Stunden reduziert. Gleichzeitig aber würde ein zusätzliches Zeitbudget von ein bis drei Wochenstunden speziell für berufliche Weiterbildung reserviert. Der Tarifkonflikt würde sich dann auf die Frage verlagern, ob so ein Weiterbildungsanspruch allein von der Arbeitgeberseite finanziert werden soll.

Neue Verhandlungsoptionen skizziert Zwickel auch in der Frage, wie flexibel ein Zeitplan zur Arbeitszeitverkürzung sein könnte - mit Rücksicht auf unterschiedliche Ausgangspositionen der Betriebe und auf Unwägbarkeiten der Wirtschaftsentwicklung. Zwar hatte sich die IG Metall stets offen für so genannte Revisionsklauseln gezeigt. Bisher legte sie aber viel Wert darauf, dass an späteren Entscheidungen über einen möglichen Aufschub von Arbeitszeitverkürzungen nur Vertreter der Tarifparteien mitwirken dürften. Zwickel dazu lapidar: "Wenn das Herz der Arbeitgeber an einer Begutachtung durch externen Sachverstand hängt - dann sei?s drum."

Die Hoffnung der IG Metall, nun doch zu einer Einigung mit den Arbeitgeberverbänden zu kommen, beruht auf der Einschätzung, dass ein Zerfall des Flächentarifs vor allem große und einflussreiche Arbeitgeber wie VW treffen würde. Schließlich, analysiert Zwickel, habe der Flächentarif eine nivellierende Funktion: "Für große Betriebe mit starkem gewerkschaftlichem Organisationsgrad wird ein eigener Firmentarifvertrag eindeutig eine teurere Lösung sein." Dem steht gegenüber, dass die Gewerkschaft voraussichtlich ihren Einfluss auf die Arbeitsbedingungen in vielen mittelständischen Metallbetrieben verlieren würde.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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