Zwiespältige Bilanz zehn Jahre nach Augustputsch
Moskau beklagt zehn verlorene Jahre

Zehn Jahre nach dem Putsch gegen Gorbatschow streiten die Russen noch immer über den Erfolg der Reform-Politik. Russland ist zwar inzwischen eine Marktwirtschaft mit gut gefüllten Geschäften. Davon profitieren aber nur wenige - und das sind oft wieder die Privilegierten von damals.

hb MOSKAU. Am 19. September 1991 standen sie sich auf den Barrikaden gegenüber, heute beharken sie sich per Pressekonferenz. Die Putschisten, wieder unter Führung von Gennadij Janajew, sehen ihren versuchten Staatsstreich im Nachhinein durch den Zerfall Russlands in den vergangenen zehn Jahren gerechtfertigt. Ihr Opfer Michail Gorbatschow, der erste und letzte Präsident der Sowjetunion, weist das zurück, gibt sich aber selbstkritisch. "Ich hätte die Reformen intensiver vorantreiben sollen", sagte er am Donnerstag in Moskau.

Seit Wochen diskutieren die Reformer der ersten Stunde und die Medien die Ergebnisse des dreitägigen Putschs konservativer Kommunisten gegen Gorbatschows Politik. KGB und KPdSU hätten nicht nur ihre Milliardenvermögen gerettet und in die neuen Firmen der zerfallenen Sowjetunion gesteckt, ihre Unternehmen und Banken dominierten heute die Wirtschaften in den meisten der 15 früheren Republiken, klagt die liberale "Obschtschja Gasjeta". Sie selbst war am Putsch-Sonntag als Gemeinschaftsprojekt aller demokratischen Zeitungen entstanden, um sich den Putschisten zu widersetzen. Doch heute, konstatiert die Zeitung, säßen die Ex-Geheimdienstler und Zentralkomitee-Mitglieder noch immer in den Schlüsselpositionen von Politik und Wirtschaft.

Die Bilanz fällt nicht nur bei den Reformern zwiespältig aus: "Mindestens die Hälfte der heutigen schweren Probleme der Republiken der früheren UdSSR sind Folgen des Zerfalls der Sowjetunion", sagt Gorbatschow heute. "Jahrzehntelang bestehende Wirtschaftsbeziehungen wurden zerschlagen. Millionen von Menschen wurden zu nationalen Minderheiten ohne Rechte."

Realeinkommen seit 1991 halbiert

Die Wirtschaftskraft Russlands ist seit 1991 offiziell um ein Drittel eingebrochen. Inoffizielle Schätzungen zeichnen ein noch düsteres Bild. Die Realeinkommen der Bevölkerung beträgt heute gerade die Hälfte von 1991, die Preise sind seither um das 19 035-fache gestiegen. Aber von leeren Läden wie am Ende der Gorbatschow-Ära ist heute nichts zu sehen: Die Märkte mit billigen Textilien aus China und der Türkei quellen über. So viele Edelboutiquen wie in Moskau gibt es gerade noch in London, Paris oder New York.

Und doch ist nicht nur die einheimische Industrie zusammengebrochen - die zu Sowjetzeiten so stark militarisiert war, dass sie nicht überlebensfähig war. Das ganze Riesenreich, das früher in Armut verbunden lebte, ist zerrissen: Wohlstand und Wachstum in einigen Metropolen, Stillstand und Zerfall in den Provinzen.

Dabei hatte Russland mit der Übernahme der gesamten Schulden einen weitaus schwereren Start als die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken. Noch heute drücken 140 Mrd. $ Auslandsschulden auf Russlands Zukunft. Doch nicht ohne Grund standen vor allem die Gründer der ersten Privatfirmen in vorderster Front gegen die Putschisten: Diejenigen, die damals die Demokraten mit Lebensmitteln versorgten, bauten in der 1993 beginnenden Privatisierungs-Ära große Firmenimperien auf oder fielen tief. Jedenfalls führten sie das Land in die Marktwirtschaft. Dennoch sähen viele Russen die Jelzin-Ära als "zehn verlorene Jahre" an; der einzige Gewinner der politischen Schlachten sei die immer wieder wie ein Fettauge oben schwimmende Nomenklatura, meint resigniert der Intellektuelle Jurij Afanasjew.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%