Archiv
Zwischen Resignation und Hoffnung

Fünfzehn Jahre nach dem Fall der Mauer kehrt Ernüchterung in die Debatte um die Wiedervereinigung ein

"Eine schlechte Nachricht. Die Mauer ist gefallen." - "Aber wieso denn, das ist sie doch schon vor 15 Jahren?" - "Na, wenn das keine schlechte Nachricht ist!" TV-Entertainer Harald Schmidt macht solche Witze. Und Wolfgang Herles beginnt damit sein Buch "Wir sind kein Volk".

Am 9. November 1989 öffnet die DDR die Grenzübergänge zur Bundesrepublik. Das Volk feiert ausgelassen. Die Fernsehbilder der geöffneten Berliner Mauer gehen um die Welt. Fünfzehn Jahre später schreibt Herles, das Projekt der Wiedervereinigung sei misslungen. "Der Einheitspfusch ist heute jedermann bewusst, sogar den Pfuschern selbst." Tatsächlich habe gerade die hart erkämpfte deutsche Einheit das Land noch tiefer gespalten. In Ost und West, Arm und Reich, Profiteure und Zahler. Kardinalfehler seien in der Wendezeit gemacht worden: die Umstellung der Ostwährung auf D-Mark im Verhältnis eins zu eins? Viel zu früh geschehen. Löhne und Gehälter? Zu schnell angeglichen. Die Sozialsysteme? Ohne Bedingungen einfach übernommen. All das subsumiert Herles unter der Formel "Die Ausschaltung der Vernunft als Maßstab der Politik".

So zynisch, so unfreundlich, so resignativ sich diese Denkschrift auch liest; ein solches Buch ist wichtig für die Diskussion um die Wiedervereinigung. Es lenkt den Blick auf die ökonomischen Fehlentwicklungen der vergangenen fünfzehn Jahre und macht allen bewusst, wie sehr die Erinnerung an die Einheitseuphorie inzwischen verblasst ist. In jener Zeit, zwischen 1989 und 1990, erlebten die Ostdeutschen "Das wunderbare Jahr der Anarchie". Christoph Links, Sybille Nitsche und Antje Taffelt haben ihren Sammelband so genannt. Das Buch nimmt seine Leser noch einmal mit zurück in die Zeit, in der DDR-Bürger Stasi-Zentralen stürmten und Rathäuser besetzten. Die Autoren haben ehemalige Aktivisten interviewt und deren Berichte aufgezeichnet. Meist handelt es sich um Proteste in der Provinz, in Prenzlau, Gosen oder Mildensee. Sie wurden in den Medien kaum registriert. Dennoch zeugen diese Taten von großer Zivilcourage.

Mit dem Fall der Mauer erlebten die meisten Ostdeutschen auch zum ersten Mal, was der Begriff "Reisefreiheit" bedeutet. Sie erlebten ihre "Ankunft im gelobten Land", wie es Sabine Krätzschmar und Thomas Spanier ausdrücken. Die Autoren haben Begegnungen der Ostdeutschen mit dem Westen aus der Zeit vor und nach der Wende gesammelt. Da beschreibt etwa der Plakat- und Schriftenmaler Lutz Peter, wie er 1966 beim Fluchtversuch an der Grenze ein Bein verliert. Und der Musiker Achim Mentzel erzählt von seiner Flucht in den Westen: "Juten Tach, wir sind jeflitzt", sagt er im Juni 1973. Er schweißt einige Wochen lang Auspuffrohre im Saarland zusammen, um dann kurz vor Weihnachten des selben Jahres wieder in die DDR zurückzukehren.

In diesem Band hätte auch Walter Lange vorkommen können, aber er hat sein eigenes Buch geschrieben. "Als die Zeit nach Hause kam" erzählt vom Niedergang und Wiederaufbau einer sächsischen Uhrendynastie. Urgroßvater Ferdinand Adolf gründet 1845 im sächsischen Glashütte eine Manufaktur. Langes Uhren, luxuriös ausgestattet und hoch präzise arbeitend, erlangen über Generationen weltweite Anerkennung. Die Firma erlebt Höhen und Tiefen. Am letzten Tag des Zweiten Weltkriegs, am 8. Mai 1945, wird das Fabrikationsgebäude von russischen Fliegerbomben zerstört.

In der Nachkriegszeit folgt der nächste Rückschlag. Das SED-Regime enteignet die Familie. Aus der Traditionsfirma "A. Lange & Söhne" wird "VEB Glashütter Uhrenbetriebe", im DDR-Deutsch "GUB" abgekürzt. Walter Lange wird "zwangsverpflichtet" für den Uranbergbau. Er flieht in den Westen und baut sich in Pforzheim eine neue Existenz auf. Den Kontakt nach Glashütte lässt er auch zu DDR-Zeiten nie ganz abreißen.

Als die Mauer fällt, fasst er den Entschluss, das alte Unternehmen wieder aufzubauen. Lange schildert in seinem Buch die zähen Verhandlungen mit der Treuhandanstalt und das Gerangel um den Stammsitz der alten Firma. Der mittlerweile 66-Jährige stemmt den Kraftakt nicht allein. Er findet Unterstützung bei Günter Blümlein, dem Geschäftsführer einer Schweizer Luxusuhrengruppe. Im November 1990 gründen sie die "Lange Uhren GmbH" - unter finanzieller Beteiligung des Industrieunternehmens VDO. Im Herbst 1994 präsentiert Walter Lange im Dresdner Schloss die ersten Nach- Wende-Uhren aus der eigenen Produktion. Die Fachwelt ist begeistert.



Walter Lange hat ein echtes Wendemärchen erlebt und niedergeschrieben. Sein Name steht für eine der wenigen Comeback-Stories des Ostens. Seine Anteile an der Lange GmbH hat er verkauft, aber er arbeitet weiter für das Unternehmen."Ich wünsche mir", schreibt er, "ein positives Denken, mehr Leidenschaft bei der Lösung der Probleme."

Langes Buch ist leise geschrieben. Es macht Hoffnung und ist damit in jeder Hinsicht ein Kontrapunkt zu Wolfgang Herles? lauter Polemik.

WOLFGANG HERLES: Wir sind kein Volk. Piper Verlag, München 2004, 231 Seiten, 12,90 Euro

CHRISTOPH LINKS/SYBILLE NITSCHE/ANTJE TAFELT:Das wunderbare Jahr der Anarchie. Ch. Links Verlag, Berlin 2004, 240 Seiten, 14,90 Euro.

SABINE KRÄTZSCHMAR/THOMAS SPANIER: Ankunft im gelobten Land, Ch. Links Verlag, Berlin 2004, 176 Seiten, 14,90 Euro

WALTER LANGE: Als die Zeit nach Hause kam, Econ Verlag, Berlin 2004, 176 Seiten, 24 Euro

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%