Zwischenbericht belastet Reifenhersteller
Nach Concorde-Absturz droht Goodyear Klagewelle

Und es war doch der Reifen – so jedenfalls heißt es im Zwischenbericht zur Untersuchung des Concorde-Absturzes. Den Angehörigen der Unfall-Opfer eröffnet dieser Befund die Möglichkeit, den Reifenhersteller Goodyear vor US-amerikanischen Gerichten auf Schadensersatz zu verklagen.

DÜSSELDORF. So vage der offizielle Zwischenbericht zur Untersuchung des Concorde-Absturzes im Juli in vielen Fragen bleibt, die Grundaussage hat Brisanz: Der geplatzte Reifen, das wurde nun bestätigt, war Ursache der Katastrophe. Und das gibt dem Streit um die Höhe der Entschädigung für die Angehörigen der Opfer neue Dynamik. Ist doch der Reifenhersteller die amerikanische Firma Goodyear - und vor US-Gerichten lassen sich erheblich höhere Entschädigungssummen erstreiten.

Der Rauch der Flugzeugtrümmer im Pariser Vorort Gonesse hat sich kaum verzogen, die Opfer des Concorde-Absturzes waren kaum geborgen, da suchten bereits geschäftstüchtige Anwälte ihren großen Auftritt. Sie stellten Millionensummen in Aussicht, die sie als Schmerzensgeld und Schadensersatz erstreiten wollen. Die Schadensersatzzahlungen sollten so hoch sein, "dass es für Air France nicht mehr rentabel ist, alte Flugzeuge abstürzen zu lassen", ließ sich etwa der Mönchengladbacher Anwalt Christof Wellens vernehmen.

"Diese Riesensummen verstören doch nur die trauernden Angehörigen", erregt sich Claus Weisner, Präsident des Selbsthilfevereins Echo (Experience can help others). Der gemeinnützige Verein wurde von Angehörigen der Opfer des Birgenair-Absturzes gegründet und berät jetzt auch die Angehörigen der Concorde-Opfer.

Auch der Professor und renommierte Luftrechtler Ronald Schmid, der ebenfalls Mandanten des Concorde-Unglücks vertritt, kann über das Verhalten einiger seiner Kollegen nur den Kopf schütteln. "Solche Aussagen kann eigentlich nur jemand machen, der das komplizierte Geflecht der internationalen Luftrechtsregeln nicht voll durchschaut", so Schmid. Dabei ist für die Angehörigen der Opfer nicht einmal Eile geboten. Zwei Jahre haben sie Zeit, ihre Klage gegen die Fluggesellschaft oder die Hersteller einzureichen. So ist am vergangenen Samstag erst die Klagefrist abgelaufen für die Betroffenen des Absturzes der MD 11 von Swissair, die am 2. September 1998 vor Halifax an der US-Ostküste ins Meer stürzte.

"Die Angehörigen sollten sich zusammenschließen und gemeinsam vorgehen", rät Echo-Präsident Weisner. Dann können sie mit Hilfe ihrer Anwälte in Ruhe prüfen, gegen wen und an welchem Ort sie ihre Klage einreichen.

Für den Berliner Professor Elmar Giemulla, Experte im Luftverkehrsrecht, bedeutet der jetzt veröffentlichte Zwischenbericht eine gewisse "Erleichterung" bei der Suche nach dem richtigen prozessualen Weg. Man werde sich darauf konzentrieren, vor us-amerikanischen Gerichten gegen Goodyear auf Grundlage des amerikanischen Produkthaftungsrechts zu klagen, sagte er dem Handelsblatt. Es sei nicht erforderlich, daneben auch die Fluggesellschaft Air France nach den Haftungsregeln des "Warschauer Abkommens" (siehe Fachwort) zu verklagen, denn die, so Giemulla, werde der Reifenhersteller wahrscheinlich ohnehin in den Prozess einbeziehen.

Für wenig aussichtsreich hält Giemulla eine Klage gegen den Reiseveranstalter Deilmann aus Neumünster: Es sei davon auszugehen, dass der nur Vermittler der Flugtickets sei und dann würde er nur haften, wenn ihn ein so genanntes "Auswahlverschulden" treffe, er also keine zuverlässige und seriöse Fluggesellschaft ausgesucht habe. "Das kann man bei der Air France und vor allem bei der Concorde, die 25 Jahre zuverlässig geflogen ist, wohl kaum sagen", meint der Berliner Professor.

Freie Auswahl des Gerichtsortes in den USA

Giemulla, zugelassener Anwalt im Staat New York, berät den Rechtsanwalt und früheren FDP-Innenminister Gerhard Baum und dessen Hannoveraner Kollegen Ulrich von Jeinsen, die die Angehörigen von rund 40 Opfern des Concorde-Unglücks vertreten. In der kommenden Woche reist Giemulla gemeinsam mit von Jeinsen nach Washington, um bei der dortigen Unfalluntersuchungsbehörde, dem "National Transportation Safety Board" Akten einzusehen. Danach werde man prüfen, ob die Reifen generell fehlerhaft konstruiert seien oder nur der an der Unfallmaschine mangelhaft war und ob Goodyear verpflichtet war, seine Produkte regelmäßig zu überprüfen und diese Pflicht verletzt hat. Spätestens im Prozess wird auch Goodyear sämtliche Unterlagen herausgeben müssen, die Aufschluss über die Unfallursache geben können.

Noch nicht entschieden ist, bei welchem us-amerikanischen Gerichtsort die Klagen eingereicht werden. "Wir haben die freie Auswahl", sagt Giemulla, denn nach amerikanischem Recht kann überall dort geklagt werden, wo der Gegner geschäftlich tätig ist. Das dürfte bei Goodyear in jedem Bundesstaat der Fall sein. Deshalb werde man einen Bundesstaat wählen, in dem die Gerichte Klagen ausländischer Kläger häufiger zulassen, als anderswo - wahrscheinlich in Florida oder Louisiana. Es sei aber wichtig, dass vorher noch kein Verfahren vor einem deutschen oder französischen Gericht laufe, denn in solchen Fällen neigten US-Richter dazu, Klagen abzuweisen, weil es bereits einen anderen Gerichtsstand gäbe.

Für Giemulla hat eine Klage gegen Goodyear auf Grundlage des Produkthaftungsrechts eine besondere Attraktivität: Sie eröffne die Möglichkeit, zusätzlich so genannte "punitive damages" zugesprochen zu bekommen, eine Art Strafschadensersatz, der in der Regel die zwei- bis dreifache Summe des eigentlichen Schadensersatzes beträgt. Der wäre bei einer Klage nach dem Warschauer Abkommen auch bei einem amerikanischem Gericht nicht zu erwarten, denn der Supreme Court hat punitive damages bei Luftverkehrsunfällen ausgeschlossen.

Florian Kolf
Florian Kolf
Handelsblatt / Teamleiter Handel und Konsum
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