Zwölf Tote bei Massenprotest
Venezuela: Militär stürzt Präsident Chávez

Nach blutigen Massenprotesten mit zwölf Toten ist Venezuelas linksnationalistischer Staatschef Hugo Chávez unter dem Druck des Militär gestürzt worden. Die Übergangsregierung führt nun der Präsident des Unternehmerverbandes Fedecamaras, Pedro Carmona Estanga.

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dpa CARACAS.

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dpa CARACAS. Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Luis Rincón, gab den Rücktritt von Chávez in der Nacht zum Freitag in Caracas bekannt. "Nach den bedauerlichen Vorkommnissen vom Vortag haben wir Chávez zum Rücktritt aufgefordert, und er hat akzeptiert", sagte Rincón auf einer Pressekonferenz. Die Oberbefehlshaber der Streitkräfte riefen die Bevölkerung zur Ruhe auf.

Nach dem Rücktritt des Staatspräsidenten wird ein Unternehmer zunächst eine Übergangsregierung führen. Es ist der Präsident des Unternehmerverbandes Fedecamaras, Pedro Carmona Estanga. Er sagte am Freitag in Caracas, im Laufe des Tages würden die restlichen Mitglieder der Regierung bestimmt werden. Aufgabe der neuen Regierung werde die Vorbereitung von kurzfristig anzusetzenden Neuwahlen sein, sagte der 60-Jährige.

Das Militär hatte Chávez die Gefolgschaft aufgekündigt, nachdem ein Massenprotest von 500 000 Menschen gegen die autoritäre Regierungspolitik am Donnerstag blutig unterdrückt worden war. Noch steht nicht fest, wer für den Tod von zwölf Menschen, unter ihnen ein Zeitungsfotograf und eine schwangere Frau, verantwortlich ist. Außerdem gab es etwa 100 Verletzte.

Die Polizei hat nach eigenen Angaben nur Tränengas eingesetzt. Sie versichert, für das Massaker seien Bürgermeister Freddy Bernal und die zivilen Anhängertrupps von Chávez, die so genannten "Nachbarschaftszirkel" verantwortlich.

Zu den Umständen der Übergabe der Macht und zum Schicksal des umstrittenen Politikers Chávez (47) wurde zunächst nichts bekannt. Der Präsident hatte vor der offiziellen Bekanntgabe seines Rücktritts mehrere Stunden lang im Regierungspalast "Miraflores" mit Rincón und anderen Vertretern des Militärs verhandelt. Der Rücktritt war zuvor vom Fernsehsender Globovision verkündet worden. Daraufhin gingen zahlreiche Menschen auf die Straßen, um das "Ende der Diktatur" zu feiern.

Nach Medienberichten landeten unterdessen auf dem Militärflughafen La Carlota in Caracas zwei Flugzeuge aus Kuba, die Chávez ins Exil auf die sozialistische Karibik-Insel fliegen sollen. Chávez' Ehefrau Marisabel war bereits mit den Kindern in ihre Heimatstadt Barquisimeto im Nordwesten Venezuelas geflogen. Ex-Staatspräsident Carlos Andrés Pérez jubelte in einem Gespräch mit einem kolumbianischen Rundfunksender: "Wir haben uns der Diktatur entledigt."

Während der Zusammenstöße hatte Chávez eine Fernsehrede gehalten, in der er die Gewerkschaften und Unternehmerverbände kritisierte, die seit Dienstag zu einem unbefristeten Generalstreik aufgerufen hatten. Er bezichtigte die Medien der "Anstiftung des Volkes zur Gewalt". Die fünf wichtigsten Fernsehsender des Landes waren von der Regierung zur Einstellung ihrer Programme gezwungen worden.

Der ehemalige Fallschirmjäger und Oberstleutnant Chávez, der 1992 mit einem Putsch gegen Carlos Pérez gescheitert war und deshalb zwei Jahre in Haft war, hatte Ende 1998 einen überwältigenden Wahlsieg errungen. Er hatte in erster Linie die Korruption ausmerzen und ein "humaneres Wirtschaftssystem" einführen wollen. Bald warfen ihm Unternehmer, Medien, Gewerkschaften, die Kirche und die politische Opposition Totalitarismus und wirtschaftliche Fehlplanung vor.

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