40 Jahre VW Passat
Der Retter von Wolfsburg

Seit 1945 hatte Volkswagen auf den Käfer und seine Technik gesetzt. Ende der Sechziger steuerte der Konzern damit in Richtung Sackgasse. Dann kam 1973 der Passat. Mit neuem Karosseriekonzept und modernen Antrieben..
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WolfsburgKein anderes deutsches Unternehmen illustrierte das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg so anschaulich wie Volkswagen. "Auf dem Gelände herrschte ein schrecklicher Gestank. Alle Abflussrohre waren bei Luftangriffen beschädigt oder zerstört worden. Die Toiletten waren kaputt und völlig unhygienisch". Mit diesen Worten beschrieb im August 1945 der englische Offizier Ivan Hearst bei seiner Ankunft in Wolfsburg die herrschenden Verhältnisse.

Nicht zuletzt wegen der damals fortschrittlichen und qualitativ bestechenden Konstruktion des Käfers gelang es dem 29-jährigen Offizier bis 1948 in dem Chaos der "kaputten Nazifabrik", so die Besatzer, eine funktionsfähige Fertigung zu organisieren. Schon 1950 baute VW 90 038 Autos. Die Technik des Käfers mit luftgekühltem Vierzylinder-Boxer im Heck dominierte alle Produkte des Herstellers bis in die zweite Hälfte der Sechziger.

Berauscht von immer neuen Produktionsrekorden und steigenden Umsätzen hatte der Vorstand um den Vorsitzenden Heinrich Nordhoff zukunftsträchtige Konzepte aus den Augen verloren. BMW und Opel emanzipierten sich für den wachsenden Mittelstand mit anspruchsvollen Limousinen der Mittelklasse, die über moderne Benzinmotoren und entsprechend anspruchsvolle Leistungsdaten verfügten. Nicht einmal der VW K70, 1970 als Vertreter der gehobenen Mittelklasse präsentiert, wollte auf den Boxer im Heck verzichten.

Nachdem ende der Sechziger rund 500 Millionen D-Mark in die serienreife Entwicklung eines technisch wie formal vollkommen unzulänglichen Nachfolgers des Käfers geflossen waren, zog der neue VW-Lenker Rudolf Leiding 1971 den Stecker und stellte alle Weichen auf einen radikalen Neuanfang.

Für eine neue Ausrichtung des Konzern-Designs engagierte Leiding den Italiener Giorgetto Giugiaro, der für VW in kurzer Zeit eine komplett neue Modellfamilie zeichnete: Golf, Scirocco und den Passat. Klar und schnörkellos gezeichnet überzeugte der Passat beim ersten Auftritt 1973 auf Anhieb.

Der Hersteller präsentierte zwei Varianten: Schrägheck-Limousine und Kombi. Für die zukunftsweisende Technik in Zeiten der ersten Ölkrise sorgte Konzerntochter Audi, die aus dem Audi 80 quer eingebaute fortschrittliche Vierzylinder lieferte, die die Vorderräder antrieben. Sie leisteten 40 kW/55 PS, 55 kW/75 PS und 63 kW/85 PS.

Sieben Modellgenerationen später blickt der Passat auf mehr als 20 Millionen Einheiten zurück. In China schrieb die Stufenheck-Version "Santana" der zweiten Generation Geschichte. Dort läuft sie seit 1983 als Limousine vom Band, gilt bei Chinesen schon lange als "chinesischer Volkswagen" und erfreut den VW-Vorstand immer noch.

In China, auf dem größten Automarkt der Welt, boomt seit Jahren der Absatz und bescherte Volkswagen auch durch Passat und Santana in der Bilanz 2012 ein dickes Plus und einen Absatzanstieg dieser Mittelklassewagen insgesamt um 14 Prozent auf 1,3 Millionen Einheiten gegenüber 2011.

Auf dem Automarkt Europa quält sich der Passat wegen der anhaltenden Absatzkrise, inklusive Deutschland. Auf dem Heimatmarkt fährt der Passat seit 2008 mit über 94.000 abgesetzten Fahrzeugen bergab. 2010 registrierte das Kraftfahrt-Bundesamt nur noch 66.500 Neuzulassungen.

Ein Sprung auf 103 500 Neuzulassungen in Deutschland schaffte 2011 der Start der aktuellen siebten Passat-Generation, um im letzten Jahr wieder um fast 14 Prozent auf rund 89.300 Neuanmeldungen herunter zu fahren. Und mit minus 23 Prozent im ersten Halbjahr 2013 sieht es auf seinem Heimatmarkt nicht besser aus. Das soll sich spätestens im nächsten Jahr ändern.

Im August 2014 bringt Volkswagen die neue Auflage des Passat auf den Markt - als Limousine, Variant und CC. Mit dem neuen Modell will Volkswagen an die Oberklasse anschließen und mehr Platz, mehr Prestige und mehr Leistung bieten. Ein Weniger ist beim Kraftstoffverbrauch zu erwarten, der soll um bis zu zehn Prozent sinken.

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