70 Jahre „Buckel-Volvo“
Der etwas andere Bestseller

Schlichte Formen schön gestalten ist eine schwedische Spezialität. Sogar ein Buckel kann Begehren wecken. Wie das funktioniert, demonstrierte der Volvo PV 444 als erstes nordeuropäisches Volksauto mit Erfolg.
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Er war der ewige Volvo, der auch nach über 20 Dienstjahren nicht entscheidend an Beliebtheit verlor. Erst schenkte der noch während des Zweiten Weltkriegs vorgestellte bucklige Zweitürer den Schweden bezahlbare Automobilität, dann wurden die Typen PV 444 und 544 weltweite Botschafter für skandinavische Lebensart.

Kein Kontinent, auf dem die Fastbacklimousinen nicht für Furore gesorgt hatten durch ihre sichere und langlebige Konstruktion, aber auch als überraschend schnelle Racer bei Rallyes- und Rundstreckenrennen. Was Volvo im Herbst 1965 schließlich doch nicht davon abhielt, den in Schweden und Kanada gebauten, altgedienten Buckel sterben zu lassen.

Immerhin versuchte Volvo den gewaltsamen Tod seines Volkshelden allen Fans als wirtschaftliche Verzweiflungstat zu vermitteln. „Es wurde unmöglich den PV 544 weiterzuproduzieren, ohne dass wir unsere Hemden verloren hätten“, entschuldigte sich der schwedische Hersteller deshalb in großformatigen Anzeigen. Überschrieben waren diese mit den wehmütigen Worten „Farewell, old friend“.

Tatsächlich kam der Produktionstopp für die finale Version des PV 544 sogar für manche Mitarbeiter plötzlich. War dieser skandinavische Volkswagen doch noch wenige Wochen zuvor als Einstiegsmodell für das Volvo-Programm 1966 beworben worden und kursierten doch bereits Entwürfe für die Faceliftvariante PV 644. Nicht zu vergessen der gerade frisch erkämpfte, sensationelle Sieg bei der East African Safari Rallye, bei der ein von den indischen Brüdern Joginder und Jaswant Singh gelenkter Volvo PV 544 trotz traditioneller Technik die gesamte Konkurrenz moderner Supercars deklassierte.

Was dem deutschen Volkswagen Käfer allenfalls als fiktiver Filmheld „Herbie“ gelang, schaffte der konstruktiv kaum jüngere „Buckel-Volvo“ im realen Leben als sportlicher Überflieger. Unwirtschaftlich konnte die Produktion der 21 Jahre alten PV-Typen nach Ansicht von Analysten nicht geworden sein. Vermutlich hatte die Einstellung dieses ersten Volvo-Massenmodells viel banalere Gründe. So konnte der bereits 1956 eingeführte, designierte Nachfolger und dann parallel produzierte Amazon seinen buckligen Verwandten nie wirklich ersetzen und jetzt stand mit der 140er Serie bereits die nächste Volvo-Mittelklasse unmittelbar vor der Markteinführung. Die natürlich ebenfalls Platz in den Produktionshallen benötigte.

So erhielt die Baureihe PV 444/544 am 20. Oktober 1965 eine große Abschiedsparty, als das 440.000ste Fahrzeug in schwarzem Sonderlack vom Band direkt ins Museum gefahren wurde. Am Steuer dieses allerletzten PV 544 Sport saß Testfahrer Nils Wickström, der schon 1947 beim Großserienstart des ersten PV 444 beteiligt war. Auch alle anderen Mitglieder der „Buckel-Belegschaft“ wurden von Volvo bei der Verabschiedung des PV bedacht. Etwa durch eine Verlosung der finalen 26 Volvo PV 544, die dann ihre glücklichen Gewinner teilweise noch über drei Jahrzehnte im harten Alltagseinsatz begleiteten.

Schließlich war die konkurrenzlos lange Lebenserwartung einzigartiges Kennzeichen des ersten Massenmodells aus Göteborg, das in dieser Disziplin sogar den Wolfsburger Volkswagen übertraf. Mit 100.000 Meilen (160.000 Kilometer) erreichten die Volvo PV (= Personvagn, deutsch: Personenwagen) angeblich erst den Zenit ihrer Leistungsfähigkeit, während die Volumenmodelle vieler anderer Marken dann bereits die vierte reguläre Motorenrevision absolvierten.

Sogar die leistungshungrigen und modebewussten Amerikaner verfielen dem verblüffend schnellen und verlässlichen Volvo auf Anhieb, als der PV 444 im Jahr 1955 den großen Sprung über den Atlantik wagte. Dabei war das schwedische „Sports Car in Family Style“ damals eigentlich optisch bereits hoffnungslos veraltet.

Orientierten sich die Fastbacktypen laut Volvo Werbung doch am Design-Vorbild amerikanischer Ford des Modelljahres 1941. Dies konnten die Nordeuropäer jedoch geschickt kompensieren durch modellpolitische Kontinuität, die sich den damals noch jährlich wechselnden automobile Moden widersetzte.

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