90 Jahre Fiat Deutschland
Geburtstag in bewegten Zeiten

Vor 90 Jahren gründete Fiat eine Tochtergesellschaft in Deutschland. In der wechselvollen Geschichte agierten die Italiener nicht nur als erfolgreicher Importeur, sie bauten in Deutschland auch über 400.000 Autos.
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Frankfurt/MainItaliener mit ihrer wundervollen Sprache haben es einfach. Zum Geburtstag wünschen sie einfach: Tanti auguri! Das gilt auch nach 90 Jahren, in denen Fiat nun in Deutschland aktiv ist. Das korrekte Beamtendeutsch geht da in der Geburtsurkunde des Jubilars holpriger vor: "Herstellung und Handel mit motorisch betriebenen Fahrzeugen, sowohl für den Luxus als auch für geschäftliche Zwecke mit landwirtschaftlichen Traktoren, Motorpflügen, Stabil und Bootsmotoren". So lautete die Beschreibung des Geschäfts, das die vier Kaufleute Moritz Prinz zu Hohenlohe, Leopold und Hugo Böhm sowie Otto Piper-Fleming am 5. Mai 1922 in München gegründet hatten: die deutsche Fiat AG.

Zu diesem Zeitpunkt war der größte und älteste italienische Autobauer Fiat in seinem Mutterland Italien bereits 23 Jahre alt. Am 1. Juli 1899 hatten sich im Palazzo Bricherasio zu Turin sieben piemontesische Honoratioren getroffen. Zwei Dinge verband die Herren: iIhre Huldigung des Reitsports und die politische Hinwendung zu einem intellektuellen Sozialismus. Diese ideologische Haltung stabilisierte den unbedingten Fortschrittswillen des Septetts und ihre Überzeugung, ihn zum Wohle ihrer Heimat einzusetzen.

Die Herren waren am Ende des 19. Jahrhunderts zur Ansicht gelangt, dass sich trotz der persönlichen Begeisterung für den Reitsport das Zeitalter des Pferdes als alleiniger Motor des Transportwesens auch in Italien dem Ende zuneigte. Der Erfolg des Automobils in anderen Nationen nährte die Absicht, sich künftig gemeinsam für die neue Technik zu engagieren. Dieses Ziel sollte ein neues gemeinsames Unternehmen verfolgen, das an diesem 1. Juli offiziell gegründet wurde: F.I.A.T. Das Akronym stand für „Fabbrica Italiana Automobili Torino“.

Als treibende Kraft bei F.I.A.T. etablierte sich das Gründungsmitglied Giovanni Agnelli (1866 – 1945). Der Sohn eines wohlhabenden Gutsbesitzers unterbreitete innerhalb kurzer Zeit seinen Partnern Angebote, die sie nicht ablehnen konnten, wurde alleiniger Inhaber von Fiat und baute das Unternehmen schnell zu einem der führenden italienischen Konzerne aus. Nach Deutschland waren schon früh Fiats vertrieben worden, allerdings über einen freien Importeur.

Die deutsche Fiat AG entwickelte sich trotz wirtschaftlicher Probleme und der Inflation in Deutschland so gut, dass 1926 der Umzug der Zentrale in die Hauptstadt Berlin anstand. 1929 erwarb Fiat in Heilbronn eine brandneue Fabrik für Automobile. NSU als einer der führenden Motorradhersteller der Weimarer Republik, hatte 1925 das Werk errichtet, geriet jedoch Ende der Zwanziger in den Sog der Wirtschaftskrise und musste den Autobau aufgeben.

Unvergessene Klassiker

Nach einer kurzen Periode, in denen das Heilbronner Werk unter der Ägide von Fiat noch die letzten NSU gebaut hatte, begann ab 1945 die Fertigung des Fiat Ballila als "NSU Fiat 1000". Den Ballila hatte Fiat 1932 vorgestellt. Ein revolutionäres kleines Auto, mit einem Einliter-Motor, der zuerst 22 PS leistet.

Der Fiat Ballila 509 bot die 'Plattform für die unterschiedlichsten Aufbauten. Von der Limousine über den spartanischen Roadster über das elegante Coupé bis zum Kleinlaster. Unvergessen auch der Fiat 500 "Topolino". Das "Mäuschen" war 1936 sozusagen Italiens Antwort auf den Volkswagen.

Im Krieg baute das Heilbronner Fiat-Werk Fahrzeuge für die Deutsche Wehrmacht. Unter anderem das legendäre "Kettenkrad", ein Fahrzeug mit Motorradlenker und Antrieb durch seitlichen Kettenlaufwerke. Nach dem Krieg verlegte Fiat die Zentrale von Berlin nach Heilbronn. 1951 verkauften die Italiener bereits wieder 5.500 Autos in Deutschland. Der als "NSU Jagst" vermarktete Fiat 600 war der erste Nachkriegsbestseller, der sich 1955 bereits 12.000 mal verkaufte.

1962 waren es bereits mehr als 100 000 Autos innerhalb eines Jahres, die die Italiener in Deutschland verkaufen konnten. Fiat baute in Heilbronn bis zum Produktionsende 1973 die Modellreihen Fiat 124, 125 und 128. Zwischen 1929 und 1973 addierten sich die Fiats aus deutscher Fertigung auf insgesamt 412.085 Einheiten.

Die Italiener konzentrierten sich seitdem in Deutschland ausschließlich auf den Vertrieb. 1971 war Lancia dazu gekommen. Alfa Romeo folgte 1992. 1999 verkaufte Fiat die ehemalige Produktion in Heilbronn komplett und verlegte die Zentrale 2002 nach Frankfurt.

Unvergessen sind viele der Autos, die im Laufe der Jahre den Ruhm der Marke mehrten: der Fiat 124 beispielsweise. Die moderne Limousine mit ihrer klaren Stufenhecklinie erschien 1966 und war der erste Pkw, der sich mit dem Titel "Auto des Jahres" schmücken durfte. Oder der sportliche X 1/9, das keilförmige Targa-Cabriolet, das zwischen 1972 und 1988 zum Kultmobil avancierte.

Fiat verkaufte sowohl vom alten wie vom neuen 500 sechsstellige Stückzahlen und natürlich auch Modelle, die nicht ganz zu Unrecht dem Vergessen anheim fallen durften: wie der Regata, der von 1983 bs 1990 als Stufenheckversion des Ritmo im Programm war.

Doch viel Zeit wird der deutsche Fiat-Filiale nicht bleiben, sich in den Reminiszenzen der letzten neuen Jahrzehnte zu ergehen. Seit die italienische Mutter sich mit dem drittgrößen US-Autobauer Chrysler zusammen geschlossen hat, sind die Produkte auf breiter Front einem tiefgreifenden Wandel unterzogen. Mit der aktuellen Entwicklung sind die Verantwortlichen in Frankfurt durchaus zufrieden. 2011 notierte die Statistik rund 120.000 Neuwagenverkäufe.

Dem allgemeinen "Tanti Auguri" an Fiat schließen wir uns gerne an. Auch das klingt im Italienischen natürlich viel schöner: "Anche da parte di tutti noi!"

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