Als der VW Golf auf den markt kam
Käferkiller mit Ecken und Kanten

Er ist der Rettungswagen, dem der VW-Konzern in der 70ern seine Wiedergeburt verdankt. Der Golf wird mit teutonischer Technik und italienischem Design zum Trendsetter aller Kompakten, für Generationen.
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Volksautos, die auszogen, um den Käfer zu killen, gab es in Massen und dies von fast allen großen Marken. Letztlich aber scheiterten sie sämtlich. Den betagten Wolfsburger Produktionsweltmeister konnten keiner zur Strecke bringen; erst die Zeit, die über ihn hinwegging, bedeutete allmählich das Ende für die Vorkriegskonstruktion mit Heckmotor.

Eine Evolution war nicht mehr möglich, also musste eine Revolution her. Die Stunde des Golf war gekommen. Gezeichnet vom italienischen Stardesigner Giorgio Giugiaro begründete der Golf das neue Segment der Kompaktklasse mit den Kennzeichen Frontantrieb, quer eingebauter Motor und Schrägheck mit großer Klappe.

Kein Talent zum Weltbürger?

Wirklich neu waren die Innovationen für sich genommen nicht, aber erst in der Form des Golf wurden sie zum Megaseller. Bis heute sind es über 30 Millionen Golf in sieben Generationen, womit der Golf den Rekord des Käfer weit übertroffen hat. Nur in einem Punkt hat der moderne Kompakte die Karriere seines Vorfahren nicht toppen können.

Während der Golf in Deutschland einer ganzen Bevölkerungsgeneration seinen Namen aufdrückte, wurde er global kein konkurrenzloser Überflieger. Es fehlt ihm das Talent zum Weltbürger wie es der Käfer war, das Konzept des Golf mit Heckklappe blieb für viele Kulturkreise zu europäisch. Daran änderten auch Stufenheckversionen wie der Jetta wenig.

Die Bedeutung des Golf als wichtiger Meilenstein der Automobilgeschichte schmälert dies allerdings kaum. Er schaffte das lange Zeit Unmöglich geglaubte: Die Käufer der Käfers zu gewinnen. Die Fahrer einer zwar zuverlässigen, aber überaus betagten und betulichen Heckmotorkonstruktion zum Umstieg in die automobile Zukunft zu bewegen.

Und das sogar im wirtschaftlichen Krisenjahr 1974, als die Automobilindustrie durch ein scheinbar endlos langes tiefes Tal fuhr.

Der Golf transformierte die untere Mittelklasse (mit starken Spielern wie Opel Kadett, Ford Escort, Citroen GS, Fiat 128 oder Peugeot 204) zur Kompaktklasse, der er später sogar seinen eigenen Namen aufdrückte: Golf-Klasse.

Fliegender Wechsel in der Produktion

Was hatte der neue VW den anderen voraus? Er führte all das zusammen, was damals technische Avantgarde war, verpackte dies in zeitlos-eleganten italienischen Schick und profitierte obendrein von der starken Marktposition des Volkswagenkonzerns.

An den beiden letztgenannten Qualitäten fehlte es etwa dem Simca 1100, der schon sieben Jahre früher versucht hatte, die Kompaktklasse en vogue zu machen und auch der 1969 lancierte Austin Maxi des genialen Mini-Erfinders Alec Issigonis brachte es außerhalb von Großbritannien nicht zu nennenswerten Stückzahlen.

Während andere wie Fiat und Peugeot bereits auf Frontantrieb und Quermotor setzten, gab es die Heckklappe nur bei Kombis mit Lastenesel-Image.

Immerhin setzte der Peugeot 204 bereits auf einen kleinen und sparsamen Diesel, dies aber mit viel zu wenig Temperament. Trendsetter kompakter Sportlichkeit wie die schnellen Kadett Rallye und Escort RS, boten nur altbackene Antriebs- und Fahrwerkstechnik.

Ganz anders der Volkswagen Golf: Seine Väter mixten die Tugenden und Talente der so unterschiedlichen Platzhirsche und Vorreiter in der unteren Mittelklasse und kreierten daraus einen neuen Cocktail.

Welche Sensation der fliegende und erfolgreiche Wechsel von einem fast dreißig Jahre lang produzierten Massenmodells auf eine gänzlich anders konstruierte Baureihe war, lässt sich vielleicht erahnen bei einem Blick in den Rückspiegel auf das Ende des Ford T-Modells im Jahr 1927.

Während das bis dahin erfolgreichste Auto der Welt im Mai 1927 auslief, startete die Produktion des nachfolgenden Model A erst im Oktober. Volkswagen dagegen beließ vorübergehend den altgedienten Käfer in seinem Programm, verlagerte die Fertigung nur auf andere Werke und gab den Kunden so die Chance, sich allmählich an den Golf als Produkt modernen Automobilbaus zu gewöhnen.

Eine clevere Idee, schließlich wusste anfangs noch niemand, ob der Käfer-Werbeslogan „und läuft und läuft und läuft“ auch auf den Neuen übertragbar war.

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