An der Jagd beteiligen sich nicht nur Profis
Wenn der Erlkönig enttarnt wird

HB KÖLN. Michael Malessa ist nervös, er schaut ständig an den Straßenrand. Steht hinter dem Busch ein Fotograf? Ist das da vorn ein Teleobjektiv? Das könnte der Ingenieur nicht gebrauchen. Denn Malessa ist Testfahrer, und sein Wagen ein so genannter Erlkönig.

„Das sind Prototypen in der Vorserienerprobung, für die höchste Geheimhaltung gilt“, erläutert der Experte aus dem Ford-Entwicklungszentrum in Köln. „Damit weder die Wettbewerber noch die Spione der Fachmagazine zu früh die Details unserer neuen Modelle erfahren, werden diese Autos für ihre Testfahrten oft bis zur Unkenntlichkeit verklebt und umgebaut“, sagt Malessa. „Solche Tarnungen sind durchaus angebracht“, erläutert Audi-Sprecher Udo Rügheimer in Ingolstadt, „damit wir den Zeitplan der Veröffentlichungen unter Kontrolle behalten.“ Gelangen Fotos künftiger Modelle zu früh an die Öffentlichkeit, gehe der Absatz der aktuellen Fahrzeuggeneration zurück.

„Viele dieser Tests finden auf Prüfständen im Entwicklungszentrum statt, auf denen wir nahezu alle Temperatur- und Umweltbedingungen simulieren können, ohne dass uns dabei jemand über die Schulter schaut“, sagt Ford-Sprecher Hartwig Petersen. Außerdem habe nahezu jeder Hersteller ein Prüfgelände, das hermetisch abgeriegelt und bewacht wird. „Trotzdem müssen wir mit den Autos irgendwann auch dorthin, wo später die Kunden mit ihnen unterwegs sein werden.“

Die klassischen Teststrecken kennen auch die Fotografen, sagt Andreas Conradt von der Agentur Automedia in Himbergen (Niedersachsen), der Prototypen seit 20 Jahren nachstellt. „Dafür lungern wir oft stundenlang vor den Werkstoren herum, graben uns bei minus 30 Grad in finnische Schneewehen ein, oder sitzen oft tagelang in der Wüste, um im richtigen Augenblick auf den Auslöser zu drücken.“ Doch die Mühe kann sich lohnen: Je nachdem, wie selten das Auto bislang gesichtet wurde und wie wichtig es ist, reichen die Honorare pro Bild laut Conradt von 50 bis 5 000 Euro.

An der „Jagd“ beteiligen sich nicht nur Profis. „Auch Amateure haben längst einen großen Ehrgeiz entwickelt“, sagt Stefan Miete von der „Auto Zeitung“ und berichtet von mehreren Dutzend Leserfotos pro Woche. Viel anfangen können die Magazine mit diesen Fotos für gewöhnlich nicht, weil die Qualität häufig zu wünschen übrig lässt und die Tarnungen immer besser werden.

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