Ankommen ist alles
Die Wüste macht alle gleich

Bei der Gazellen-Rallye, einem Wüstenrennen ausschließlich für Frauen, geht es nicht darum, die Schnellste zu sein. Die kürzeste Strecke zu finden, das ist das Ziel.

ERFOUD. Der zweite Tag war schrecklich für das deutsche Team: Stundenlang haben sie den zweiten Checkpoint gesucht, lange zu Fuß in der heißen Sonne; haben den Mut verloren. Sie fahren die Gazellen-Rallye, ein Rennen nur für Frauen, bei dem man ohne Satelliten-Navigation klarkommen muss, und das im Sahara-Vorland von Marokko. Zum ersten Mal sind Deutsche dabei, Claudia und Touria.

Zwölf bis 14 Stunden lang kämpfen sie sich durch Sanddünen, rumpeln über Gelände, das mit riesigen Steinen übersät ist. Gleißende Sonne, kein Weg. Sie haben bloß einen Kompass und eine Karte, auf der die sechs Checkpoints eingezeichnet sind, an denen sie vorbeikommen und sich ihren Stempel holen müssen.

Am ersten Tag steigt Claudia alle paar hundert Meter aus, so unsicher ist sie. Sie tastet den Horizont mit ihrem Kompass ab, dann steht sie da, den Arm in eine Richtung gestreckt, Richtung Checkpoint hoffentlich, und Touria bringt den Geländewagen in Position, genau parallel zum ausgestreckten Arm.

Später sind sie völlig erschlagen. Touria Behaj, die Fahrerin, hat Migräne – Zeichen von Austrocknung, die in der Wüste schnell droht. Claudia Pignet hat gebrochen. Das Gefühl, es nicht schaffen zu können, vergiftet ihnen den Abend.

So geht es den meisten, die hier zum ersten Mal fahren, denn sie sind alle keine Profis: Der zweite und der dritte Tag zeigen, ob sie die Nerven und die körperliche Konstitution haben, durchzuhalten.

Ein belgisches Team packt es nicht. Die beiden Mädchen sind schon am ersten Tag nach einem Kilometer wieder umgekehrt, Angst vor der Weite, Angst davor, auf sich gestellt zu sein. Am zweiten Tag dasselbe, dann ging es ein paar Tage irgendwie doch, aber am sechsten Tag haben sie den Kampf gegen ihre Ängste und damit das Rennen aufgegeben. Dabei sind sie Hunderte von Kilometern gefahren, um hier anzukommen; durch den Atlas und über die karge, rote Erde gedüst, die beiden Deutschen und 76 andere Teams aus Frankreich, Marokko, Kanada, Angola, Italien, Großbritannien: Allradler, Quads, Nutzfahrzeuge.

Dieses Jahr sind sie wieder gegeneinander angetreten, bei der 16. „Rallye des Gazelles“, der einzigen Rallye der Welt, die Frauen vorbehalten ist.

Um acht Uhr abends werden die „Gazellen“, die Team-Frauen, im Basislager essen, dann müssen sie die Checkpoints des kommenden Tages einzeichnen und die Distanzen ausmessen; sie werden erschöpft ins Bett fallen und um vier Uhr morgens geweckt werden.

„Wenn die zehn Tage vorbei sind, ist man so gut wie tot vor Erschöpfung“, sagt Valentina Albanese, die zum dritten Mal mitfährt. Ihre Augen leuchten, sie ist bester Laune. „Die Wüste verändert dein Leben.“

Dieses Jahr ist das erste Mal, dass ein deutsches Team mitmacht. Irgendwo hatte Touria Behaj von diesem Rennen gehört und hatte zu träumen angefangen: mitmachen, den Süden des Landes erkunden, aus dem ihr Vater stammt.

Sie hat immer wieder davon erzählt, wie man von Träumen erzählt, ohne wirklich zu hoffen, aber dann fand jemand bei ihrem Arbeitgeber Total die Idee gut. Das ist gerade mal zwei Monate her. So schnell können Träume wahr werden.

Kurz entschlossen war auch Claudia Pignet: „Ich brauche alle vier Jahre eine neue Herausforderung“, sagt sie. „Und noch ein Kind wollte ich nicht.“

Sie hat drei, und jetzt sitzt sie in einem Zelt im sandigen Nirgendwo, drei Autostunden von der nächsten Stadt entfernt, und ist nervös. Früher ist sie Motocross gefahren, aber auf festgelegten Strecken, nicht durch weglose Weiten auf eine kleine, rote Fahne zu, die erst auf den letzten Metern sichtbar wird. „Was da alles schief gehen kann“, sagt sie.

Noch dazu macht ihr Toyota beim Schalten wenig Vertrauen erweckende Geräusche.

Nur gut, dass es bei der Gazellen-Rallye gar nicht darum geht, die Schnellste zu sein. Es geht darum, die kürzeste Strecke zu finden und zu fahren zwischen den Etappen.

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