Antik eingekleidet
Edel-Blech für Superreiche

Pebble Beach ist die Schönheitskonkurrenz für Oldtimer. Jahr für Jahr donnern Tausende der reichsten Car-Aficionados dort zum „Concours d’Elegance“. Einzige Voraussetzung für das Pläsier: Millionär muss man sein. Besser noch, Milliardär.

Das bittere Ende stand fest, bevor ich meinen Schlitten zum Valet-Parking des Clement-Hotels, Monterey, vorfuhr. Vor mir röhrt ein schwarzer Lamborghini Unmut, direkt hintendran stottert ein schwarzer Bentley Entsetzen. Stoßstange auf Stoßstange, eingeklemmt zwischen aufdringlich blitzendem Chrom, exquisit gewienert. 20 Millionen Dollar eskortieren mich und meinen pechfarbenen Toyota Corolla LE, Baujahr 2002. Ein Auto, allenfalls geeignet für mexikanische Gärtner in Los Angeles’ Stadtviertel Bel Air.

Zwischen den röhrenden Träumen auf vier Pneus wird der unfeine Schlitten, das schändliche Gefährt aus Fernost, unversehens zum schrecklichen Mittelpunkt großer Aufmerksamkeit der gaffenden Autofans und dann der schwarz livrierten Hotelboys, die die Schandbeule flugs in der Tiefgarage verschwinden lassen. Denn mit solch übler Kiste will hier kein zivilisierter Pilot die Abgase teilen. „What the hell is this mother doing here?“ fragt einer, verträglich übersetzt: „Haben Sie sich verfahren, Sir?“

Solch betretende Distanzierung kommt nicht von ungefähr. Jahr für Jahr donnern Tausende der reichsten Car-Aficionados der ganzen Welt zur Pebble Beach „Concours d’Elegance“ bei Monterey. Rund 300 Juroren aus aller Welt küren hier im „Himmel für die weltweiten Autoenthusiasten“ (Veranstalter) nicht nur den schärfsten Oldi-Schlitten der Saison. Zum Concours treibt es auch jene, die sich – aus der Ferne bestaunt von unerschrockenen Pelikanen, meterhoch spuckenden Walen und demonstrativ uninteressierten Seelöwen – auf exklusiven Auktionen neu einkleiden mit alten Ferraris, Buicks und dem exklusivsten Fetisch aller Fetische aus Blech, dem neuen Bugatti Veyron 16.4.

Einzige Voraussetzung für das Pläsier: Millionär muss man sein. Besser Milliardär, denn nur das schützt vor dem widrigen Gefühl, einer beklagenswerten Minderheit anzugehören. Der Alp, ein ewiger Underdog zu sein, überfällt deshalb nicht nur verhöhnte Corolla-Fahrer. Immerhin wechseln zwar wieder rund 400 Millionen Dollar die Geldbörsen, manche Autojunkies setzen ihrer Sucht keine Grenzen, weder durch emporschnellende Benzinpreise, die um sich greifende Immobilienkrise noch die Ehefrau, die sich directly im Auktionshaus superben Klunker um den Hals werfen lässt.

Die Hymne zum Dreitage-Fest dröhnt am ersten Tag vom Band: „Live and let die!“ Der James-Bond-Song ist das knallende Bekenntnis der Auktionäre im ansonsten edlen Auktionsgeschäft Bonham’s, derzeit direkt auf dem noblen Golfplatz „The Quail“ angesiedelt. Die potenziellen Käufer bestaunen gerade etwas gebremst einen rostroten Jaguar Mark X Saloon, gesteuert wird die einstige Agentenschleuder von einem Roger Moore Look-a-like. Reglos, mit britisch verregneter Miene steuert er das Gefährt unamused vom Beifall der Gäste, vielleicht wohlwissend, dass der Mark X nie ein Bond-Auto war.

Die müden 29 250 Dollar, die für den Brit-Mythos hingeblättert werden, sind geradezu obszön wenig. Ein auf den Laien gewiss vorsintflutlich wirkender Bugatti 57SC Atalante Coupé aus dem Jahre 1937 hingegen wechselt am gleichen Abend bei Gooding & Company für immerhin 7,2 Millionen Dollar den Besitzer. Und das neueste Bugatti-Modell aus dem Edel-Stall von VW gibt die wahren Verhältnisse an: Das erste Exemplar dieses neuen Cabrio geht für 2,9 Millionen Dollar über die Bühne. In Serie – auf 160 Exemplare beschränkt – kostet er knapp eine Million weniger.

Die Auktion ist weit weniger aufregend, als es die gigantischen Preise nahelegen wollen. Unter der Uniform von Baseball-Kappen, Polohemden, Jeans und Turnschuhen verbergen sich Reichtum und Status. Die Montur sendet keinerlei Signale aus, weder Angeberei noch Exaltationen. Alle scheinen hier gleich sein zu wollen. Platz ist für rund 400 Auktionsmillionäre, und sie haben alle 200 bis 250 Dollar berappt, um bieten zu dürfen. Peanuts.

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