Auto-Kunstmarkt
Ich fahre, also bin ich

Künstler reizt der Sportwagen zur Illustration erotischer Wünsche, aber auch zur Konsum- und Gesellschaftskritik.
  • 1

DüsseldorfDa schlagen Männerherzen höher: beim röhrigen Sound von acht Zylindern, beim Geruch von Gummi und Schweiß, bei den Rundungen der Formel-1-Strecken wie denen der Boxenluder. Der Faszination von Geschwindigkeit und Chromglanz, von Powergefühl und Sexappeal erliegen auch die Künstler.

Vorreiter waren vor 100 Jahren die dynamikverliebten Futuristen. Diese Malergruppe erklärte das Automobil zum Schönheitsideal, die Geschwindigkeit gleich zur Religion. Doch der Blick der Künstlerinnen und Künstler ist nicht ausschließlich affirmativ. In ihrer Gesellschaftskritik waren sie bislang der Industrie voraus. Das zeigen - 125 Jahre nach Erfindung des Automotors - gleich vier Kunstausstellungen, die dem Idol und dem Fetisch Auto auf die Spur kommen.

Ob Panamera oder BMW i8 - jedes Auto erzählt etwas von Prestige und sozialer Distinktion, von Ästhetik und Leidenschaften, schreibt der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme im Katalog der wegweisenden Ausstellung "Fetisch Auto. Ich fahre, also bin ich" im Basler Museum Tinguely.

Für die Erfolgreichen ist das Auto Schmuck und Requisit der Ich-Ausstattung. Bei der rasanten Beschleunigung verleibt sich der Fahrer das Fahrzeug ein. Gleichzeitig verkörpert das Auto auch seinen Besitzer. "Dieser ekstatische Zusammenfall von Seele, Körper und Gerät" enthält nach Böhme "die höchsten Lustprämien, die man sich von technischen Artefakten denken kann". Begehren und Lust treiben den Auto-Fetischismus an.

Auf dem Gemälde "Kar Kween" von Mel Ramos in Basel räkelt sich ein Pin-up an der phallischen Form einer Zündkerze. Der Amerikaner nutzt die von der Werbung in Szene gesetzte Nähe zwischen Motorleistung und männlicher Potenz, zwischen makellosem Lack und perfektem Chassis zu weiblichen Rundungen. Die Fotografin Katharina Bosse zeigt auf einem Farbfoto im Katalog der Galerie Abtart hohe Hacken und schwarze Reizwäsche hinter einer geöffneten schwarzen Autotüre - und schon läuft ein Film im Kopf des Betrachters ab. Die Künstlerin spielt hier bewusst mit kollektiven Fantasien.

Diese lustvollen Aspekte des Autos halten dem Alltag aber nicht stand. Der steigende Ölpreis, fehlende Parkplätze und ständige Staus sind die Daueraufreger. Deutsche Autobauer produzierten 2010 11,6 Millionen Pkws, 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Statt schneller und größer zu bauen, gilt es mittlerweile, neben Fahrspaß und Markenstärke auch zeitgemäße Problemlösungen auf die Straße zu bringen. Diesen Wertewandel verkörpern u.a. Kleinwagen im Premiumsegment. Ob Audi A1, Smart oder Sportwagen - das Auto durchdringt wirtschaftliche, soziale, juristische, ästhetische und symbolische Systeme. "Ich glaube, dass das Auto heute das genaue Äquivalent der großen gotischen Kathedralen ist", schreibt der französische Philosoph Roland Barthes. "Ich meine damit: eine große Schöpfung der Epoche, die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern erdacht wurde."

Früher als die Autoindustrie üben Künstler Kritik an der gängigen Verherrlichung von Macht und Motor. 1997 verstört die junge Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist mit einem Video über Auto-Vandalismus. In "Ever Is Over All" zerstört ein braves Mädchen in Zeitlupe die Scheiben parkender Autos lustvoll mit einer Lilie. In rauschhaft intensive Farben getaucht, wirkt jeder Schlag wie eine Befreiung der Heldin. Von was, das muss jeder Besucher im Museum Tinguely selbst beantworten.

Kommentare zu " Auto-Kunstmarkt: Ich fahre, also bin ich"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "Auf dem Gemälde "Kar Kween" von Mel Ramos in Basel räkelt sich ein Pin-up an der phallischen Form einer Autobatterie."

    typisch Frau (und Handelsblatt): kann eine Autobatterie nicht von einer Zündkerze unterscheiden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%