Autodesigner blicken nicht nur nach vorn
Große Glasflächen ermöglichen neue Ein- und Ausblicke

HB GENF. Autofahrer können künftig zahlreiche neue Ein- und Ausblicke genießen. Denn mit Panoramafenstern und großen Glasdächern eröffnen Entwickler und Designer bei vielen Studien und Serienfahrzeugen mitunter ungewohnte Perspektiven hinter dem Lenkrad.

Viele der Studien wurden auf dem Genfer Automobilsalon gezeigt: Am weitesten geht dabei der Schweizer Designer Frank Rinderknecht mit seinem Showcar Zazen, dessen Karosserie oberhalb der Gürtellinie komplett aus dem transparenten Spezialkunststoff Makrolon hergestellt wurde. Deshalb gibt es kein Bauteil, das die Blicke von Fahrer und Beifahrer behindert. Selbst an der dritten Bremsleuchte haben die Entwickler gespart: Sie sitzt nicht störend im Blickfeld, sondern wird als holografische Projektion auf dem hinteren Element der Kuppel eingespielt. Damit die Privatsphäre gewahrt bleibt und das Coupé in der Sonne nicht zum Glutofen wird, lässt sich der Aufbau allerdings auf Knopfdruck wie Milchglas eintrüben.

Ebenfalls mit neuen Augen sieht man die Welt aus dem Saab Aero X. Weil sich die Designer laut Saab-Sprecher Olaf Meidt bei der Gestaltung des Coupés von den Flugzeugen der Unternehmensgeschichte inspirieren ließen, trägt die Studie statt eines normalen Aufbaus eine Art Kanzel, wie man sie auch bei Düsenjägern findet. Und ähnlich wie bei der Glaskuppel eines Kampfjets wurde auch beim Aero X auf störende Säulen oder Streben verzichtet. Stattdessen läuft die Frontscheibe einmal um die gesamte Kanzel herum, so dass der Fahrer ungehindert den Blick schweifen lassen kann.

Damit setzt Saab nicht nur auf den Aha-Effekt, sondern tut auch etwas für die Sicherheit: „Dadurch wird das Fahrzeug sicherer im fließenden Verkehr, wo sich die A-Säule störend bemerkbar machen kann – der Fahrer sieht einfach mehr“, sagt Designer Anthony Lo.

Doch die Designer blicken nicht nur nach vorn. Auch nach hinten versprechen sie den Kunden von morgen neue Ausblicke. Deutlich macht das zum Beispiel die Renault-Studie Altica, die nach Angaben von Renault-Sprecher Thomas May-Englert neben Panoramascheibe und Glasdach auch über eine ungewöhnliche C-Säule verfügt. „Statt dort wie bei einem Serienfahrzeug eine breite Metallstrebe einzuziehen, haben die Designer das Blech wie bei einem Mosaik mit vielen kleinen Glaselementen durchbrochen“, erläutert May-Englert. Auf diese Weise verbessere sich die Sicht nach hinten um bis zu 75 Prozent.

Vor allem einen guten Blick aus den Seitenfenstern verspricht dagegen der luxuriöse Geländewagen, den der niederländische Fahrzeughersteller Spyker in Genf vorgestellt hat. Dort wird nach Angaben des Unternehmens an der Flanke auf nahezu alle Blickfänger verzichtet. Statt großer Säulen und Streben teilen die Glasflächen deshalb nur feine Metallleisten.

„Natürlich haben die Designer bei ihren Studien sehr viel mehr Gestaltungsspielraum, weil niemand nach Crash-Sicherheit, Produktionsreife und möglichen Kosten fragt“, erklärt Opel-Sprecher Sven Markurt. Doch auch in der Serie ändern sich die Perspektiven. So bietet zum Beispiel Opel den dreitürigen Astra GTC auch mit einer Panorama-Frontscheibe an, die bis weit hinter den Scheitel des Fahrers in das Dach hinein reicht. „Weil anders als bei Cabrios oder Autos mit Glasdächern kein Windschutzscheibenrahme die Sicht nach vorn und oben beeinträchtigt, genießen die Passagiere einen Ausblick wie der Pilot eines Helikopters. Das macht Fahrten durch Häuserschluchten, Herbstwälder oder durch enge Gebirgstäler zu einem besonderen Erlebnis“, sagt Projektleiter Matthias Hallik.

Doch auch den umgekehrten Effekt machen sich Designer zu Nutze - etwa beim Kompaktvan Skoda Roomster, der in der ersten Reihe ganz bewusst mit Fensterfläche geizt. „Wir wollten, dass sich der Fahrer ein bisschen fühlt wie in einem Sportwagen und die Welt wie durch ein Visier sieht“, erklärt der mittlerweile ins Konzernstudio nach Potsdam gewechselte Designer Thomas Ingelath die flache und kurze Frontscheibe. In der zweiten Reihe reichen die Fenster dagegen beinahe von der Hüfte bis ins Dach „damit man dort einen guten Ausblick genießen kann“, sagt Ingelath.

„Offenheit, Transparenz und Leichtigkeit sind Begriffe, die im Design allgemein eine große Bedeutung haben und sich deshalb auch in der automobilen Formgebung niederschlagen“, erklärt der Designer Stefan Heiliger aus Frankfurt/Main. Dabei gilt eine komplette Dachkuppel aus transparentem Material im Stil einer Fugzeugkanzel nach seinen Angaben als lang gehegter Wunsch der Designer: „Sicher wird damit auch ein Freiheitsbedürfnis erfüllt: Man ist nicht mehr in dieser engen Blechbüchse gefangen, sondern kann wie in einem Cabrio die Weite und die Sicht genießen. Und das, ohne die üblichen Nachteile wie Fahrtwind oder Dieselruß in Kauf nehmen zu müssen.“

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