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Autohersteller arbeiten am kürzeren Bremsweg

dpa/gms STUTTGART. Die Beschleunigung von 0 auf 100 Stundenkilometer (km/h) ist für Autofahrer häufig ein entscheidendes Kaufkriterium. Doch viel mehr Beachtung sollte eigentlich dem umgekehrten Wert, der Verzögerung von 100 km/h bis zum Stillstand, geschenkt werden.

Er steht für die Länge des Bremsweges und entscheidet damit oft zwischen Schrecksekunde und Totalschaden. „Schließlich nehmen Auffahrunfälle in der Statistik einen prominenten Platz ein“, sagt Christian Früh, der bei Mercedes in Stuttgart die Entwicklung von Assistenzsystemen leitet. Damit die Autos schneller zum Stehen kommen, arbeitet die Industrie an neuen, leistungsstärkeren Bremssystemen. So findet die besonders „bissige“ Keramikbremse nach ihrer Premiere im Mercedes SLR und Porsche 911 Turbo nun in der Oberklasse und bei Sportwagen weitere Verbreitung.

Beim Zulieferer Siemens VDO in Regensburg wird an einer komplett neuen Technologie gearbeitet, zu der das Unternehmen auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt/Main (15. bis 25. September) erste Details bekannt geben will. Diese elektromechanische Keilbremse verzichtet gänzlich auf die Hydraulik. Dabei greifen die Ingenieure nach Informationen aus dem Unternehmen die Idee der Keilbremse aus der Pferdekutschenzeit auf und verbinden sie mit den Möglichkeiten der Elektromechanik.

„Damals rammte der Kutscher einen Keil zwischen Rad und Radkasten und blockierte das Rad, so dass die vorhandene Bewegungsenergie der Kutsche unmittelbar zum Bremsen genutzt wurde“, beschreibt ein Mitarbeiter das System. In der modernen Ausgabe presst der Keil mit Hilfe kleiner Elektromotoren die Bremsklötze an die Bremsscheibe. Dabei soll dank der Selbstverstärkung mit einem Bruchteil der üblichen Energie eine deutlich höhere Bremswirkung erzielt werden, die zudem schneller einsetzt. Gleichzeitig verhindert die Elektronik, dass der Keil zu einem ungewollten Blockieren der Bremse führt.

„Doch die beste Technik nützt wenig, wenn der Fahrer sie nicht richtig nutzt. Daher ist es mit solchen Entwicklungen alleine nicht getan“, sagt Hartmuth Wolff vom Allianz Zentrum für Technik in Ismaning. Die Qualität der Bremsen sei bei den meisten Neuwagen heute so hoch, dass es nur noch wenig Verbesserungspotenzial gibt: „Eine Verzögerung von mehr als 1 G ist physikalisch kaum zu erreichen“, sagt der Experte. Ansatzpunkt sei also nicht die Technik, sondern der Mensch. „Kaum ein Autofahrer tritt im Zweifelsfall schnell und fest genug auf die Bremse, um deren Potenzial voll zu nutzen.“ Daher hält der Wissenschaftler Bremsassistenten für einen guten Ansatz.

Dieses System erkennt nach Angaben von Mercedes-Entwickler Früh anhand der Pedalbewegung einen drohenden Notfall und ruft automatisch die maximale Bremsleistung ab. „Auf diese Weise verkürzt sich der Bremsweg des Autos deutlich – bei Tempo 100 auf trockener Fahrbahn um bis zu 45 Prozent“, sagt Früh.

Für die neue S-Klasse kombiniert Mercedes den Bremsassistenten erstmals auch mit einem Nahbereichsradar, so dass das System jetzt auch „sehen“ und Gefahrensituationen noch früher erkennen kann. „Erst wird der Fahrer akustisch und optisch gewarnt. Und wenn der dann zu zaghaft in die Eisen steigt, regelt die Elektronik wirkungsvoll nach“, erklärt Früh. Bei Tests im Fahrsimulator habe diese Technologie ihre Wirksamkeit bereits bewiesen. So sei bei Untersuchungen mit 100 Autofahrern die Unfallquote mit dem neuen Bremsassistenten von 44 auf elf Prozent gesunken.

Einen indirekten Beitrag zum kürzeren Bremsweg leisten die Hersteller auch mit neuen Rückleuchten, die den nachfolgenden Verkehr auf eine Gefahrenbremsung hinweisen sollen. So wird bei einer Vollbremsung mit einem Peugeot nach Angaben von Sprecher Bernhard Voss in Saarbrücken der Warnblinker aktiviert. „Bei BMW gibt es dafür beim neuen Dreier ein Bremslicht, dessen Fläche und Lichtstärke mit der Intensität der Bremsung größer wird“, sagt Sprecher Andreas Sauer in München. Und bei Mercedes gibt es laut Christian Früh erstmals eine Bremsleuchte, die bei starker Verzögerung zu blinken beginnt.

Mit solchen Systemen gewinnen die Entwickler nach eigenen Angaben bis zu 0,2 Sekunden Reaktionszeit. „Das klingt zwar nach sehr wenig, macht aber bei Tempo 80 schon 4,4 Meter Bremsweg aus, die der Hintermann früher vor der Stoßstange zum Stehen kommt“, sagt Früh. Doch auch mit solchen Systemen kann die Industrie den Fahrer nur unterstützen. Weil eine vollautomatische Notbremsung technisch noch schwierig und juristisch umstritten ist, sind die Entwickler nach wie vor auf die Aufmerksamkeit des Fahrers angewiesen.

Am 15. September fällt der Startschuss zur 61. Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt. Die schönsten Modelle: Welche Neuheiten die Besucher der Frankfurter Automesse erwartet. Hier gehts zur Bildergalerie ...

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