Autohersteller tricksen beim Spritbedarf
Die Verbrauchslüge

Die Norm, mit der der Spritverbrauch unserer Autos gemessen wird, hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. Dass die Hersteller mit den getricksten Angaben lautstark werben, hat für sie jetzt unangenehme Folgen.
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Stuttgart/Düsseldorf/MünchenRund die Hälfte der in Deutschland verkauften Neuwagen könnte von ihren Besitzern an die Hersteller zurückgegeben werden, weil sie zu viel Sprit verbrauchen. Das ist, vereinfacht dargestellt, eines der Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung des Auto Clubs Europa (ACE). Dass Autos in puncto Spritverbrauch teils stark von den offiziellen Norm-Verbrauchsangaben der Hersteller abweichen, ist zwar jedem erfahrenen Autofahrer klar. Das Ausmaß der bislang kaum sanktionierten Trickserei, wird aber unter Umständen wegen eines aktuellen OLG-Urteils zum Bumerang für die ohnehin von Absatzproblemen gebeutelte Branche.

Die Richter in Hamm hatten unlängst entschieden: Liegt der Kraftstoffverbrauch eines Neuwagens mehr als zehn Prozent über den Herstellangaben im Verbrauchsprospekt, kann der Autobesitzer vom Kaufvertrag zurücktreten (Az: 28 U 94/12, 4 O 250/10). In diesem Fall stellt der höhere Verbrauch einen "erheblichen Sachmangel" dar.

Geklagt hatte der Besitzer eines Renault Scénic, da das Fahrzeug statt der vom Hersteller angegebenen 7,7 Liter auf 100 Kilometern tatsächlich 8,5 Liter verbraucht hat. Ein Mehrverbrauch von 10,3 Prozent.

Dass die Mehrverbräuche auch viel deutlicher vom Normverbrauch abweichen, stellen Autoclubs und Autotester regelmäßig fest. Beim ACE waren es von 91 getesteten Modellen 55 Fahrzeuge, die "teils deutlich über der Marke von zehn Prozent" lagen.

Allerdings weist der ACE auch darauf hin, dass rechtliche Auseinandersetzungen wegen des Spritverbrauchs teuer, langwierig und risikoreich sind. So ist zur Anfechtung eines Kaufvertrages in aller Regel das Gutachten eines anerkannten Sachverständigen nötig, der den Mehrverbrauch bestätigen muss.

Dass die Hersteller bislang nicht häufiger mit Sanktionen oder Kaufvertrags-Rücktritten konfrontiert werden, hat seine Ursache im NEFZ. Hinter der bürokratischen Abkürzung verbirgt sich der seit 1996 geltende "Neue Europäische Fahrzyklus", der von allen maßgeblichen Experten als überaltert und unrealistisch angesehen wird, - mit dem die Hersteller aber immer noch werben dürfen.

Der NEFZ hat aber mit unserem täglichen Fahrverhalten nur sehr wenig zu tun. So wird es auf dem Rollprüfstand ermittelt, und die Hersteller dürfen mit verbrauchsmindernden Spritsparreifen und Leichtlaufölen tricksen, bei Maximaltempo 120, während so realistische – und den Spritverbrauch steigernde - Verbraucher wie Klimaanlage oder Fahrtlicht ausgeschaltet bleiben.

Laut ADAC schluckt aber beispielsweise ein Auto mit aktivierter Sitz- und Heckscheibenheizung, Beleuchtung und Lüftung auf 100 Kilometern etwa einen halben Liter Kraftstoff zusätzlich. „Auto Bild“ weist in den eigenen Fahrzeugtests ebenfalls regelmäßig Mehrverbräuche von bis zu 30 Prozent nach, im Vergleich zu den Herstellerangaben, dies deckt sich mit den Erfahrungen bei den Autotests des Handelsblatts. Diese mögen keine gutachterlichen Kriterien erfüllen, decken sich aber mit der persönlichen Wahrnehmung zahlreicher Vielfahrer.

Kommentare zu " Autohersteller tricksen beim Spritbedarf: Die Verbrauchslüge"

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  • Am Schluß bleibt die Erkenntnis, dass sich alle in die Tasche lügen. Die Klimaziele der EU werden nicht erreicht, die Steuerpolitik aber darauf ausgerichtet, und die Autoindustrie nicht gezwungen, diese mit innovativen Lösungen zu erreichen. So dreht sich alles im Kreis.

  • Laut Auto.de (schon vor einige Zeit) klemmt BMW bei seinen Verbrauchsmessungen für die offiziellen Wert sogar die Lichtmaschine ab, sodass die Batterie in der Messzeit nicht nachgeladen wird. Das ist m.E. wirklich ein schon fast unseriöses Tricksen.
    CO2-Einsparungen sollten wir übrigens nicht nur auf dem Papier (durch findige Messmethoden) erzielen, sondern durch TATSÄCHLICHE Einsparungen. Da helfen
    - weniger fahren(da ist jeder selbst gefragt)
    - sparsamer fahren (da ist auch jeder selbst gefragt)
    - effizientere Autos (da ist die Industrie gefragt)
    - Käufer für die effizienteren Autos (da ist jeder selbst gefragt)

    Wenn Käufer allerdings beim Kauf auf die vom Hersteller gemessenen Wert vertrauen und z.B. einen BMW kaufen (der durch Abklemmen der Lichtmaschine ein bischen verbrauchsärmer erscheint als andere Autos), dann ist das eine Fehlsteuerung - und EIN Potential zum Senken der CO2 Emission ist verschenkt.

    Warum sollte es Sinn machen, dass wir rechtlich zulassen, dass von Autoherstellern genannte Norm-Verbräuche unrealistisch niedrig sind? Eine Anpassung der Regelung ist notwendig - und etwas mehr Übernahme ethischer Verantwortung durch die Autohersteller.

    Ich stimme aber zu: den größten Anteil am tatsächlichen Verbrauch eines Fahrzeugs haben wir Fahrer selbst. Trotzdem bleibt m.E. die Industrie in der Pflicht, realistische Angaben zu machen.

  • Richtig, Sie haben das erkannt - man will nur mehr CO2-Steuer (KFZ-Steuer), das ist alles.

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