Automarkt Indien Mit Schrittgeschwindigkeit ins Wunderland

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Wer könnte den Audi auf dem Land reparieren?

Das sieht jeder, der am Straßenrand der Gandhi ein halbes Stündchen den Verkehr beobachtet:  Maruti folgt auf Maruti auf Mahindra, dann tuckern wieder ein paar Tata vorbei – und lediglich der ein oder andere Hyundai zeigt ein Markenzeichen, das auch bei uns die Straßen füllt.

In der Rush-Hour ist jeder Fußgänger schneller als C-Klasse, Motorrad oder Tuk-Tuk-Taxi Quelle: pw/SP-X

In der Rush-Hour ist jeder Fußgänger schneller als C-Klasse, Motorrad oder Tuk-Tuk-Taxi

Kein Zufall, dass die sonst so erfolgsverwöhnten Größen Indiens Autofahrer nicht locken können; es fehlt ihnen einfach die richtigen Autos zum richtigen Preis. So was wie den Maruti Alto. In Deutschland feierte der viertürige Kleinstwagen unter dem Markenzeichen des Maruti-Partners Suzuki eher überschaubare Markterfolge. In Indien trifft er den Nerv der aufstrebenden Mittelschicht – und den Geldbeutel.

Zum Beispiel den von Raju Sachdeva. Der 28jährige Software-Entwickler steht auf dem Hof eines Händlers zwischen drei Dutzend mit reichlich chromverzierten Maruti-Modellen – alle laut Plakat „Autobahn Cars & Wheels“ getestet. „Ein Audi A3 oder gar eine C-Klasse: Das ist ein Traum“, sagt Sachdeva. Aber ein utopischer. „Außerdem: Wer könnte den reparieren, wenn ich bei meinen Eltern auf dem Land im Graben lande?“

Maruti dagegen hat seine fast 40 Prozent Marktanteil auch, weil die Marke bis in die tiefe Provinz hinein mit Händlern und Werkstätten präsent ist – und die Fahrzeuge leicht und billig zu reparieren sind. Allein vom Alto verkauft das japanisch-indische Bündnis im Monat mit 22.000 Stück doppelt so viel wie Audi von allen in Indien angebotenen Modellen im ganzen Jahr.

Sachdeva liebäugelt allerdings mit dem Minivan WagonR von Maruti. Denn wie alle Inder braucht er vor allem viel Platz auf wenig Raum. „Vier Familienmitglieder auf der Rückbank, drei vorn – das ist schon normal.“ Ein Auto soll ja schließlich Mehrwert bieten, wenn auch ein Motorroller schon mal mit Vater, Mutter und zwei Kindern besetzt ist.

Die billigsten Autos der Welt
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Am Billigauto kommt kein Hersteller mehr vorbei, der Weltmarktführer werden will. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen. So werden die Verkäufe von 6,5 Millionen Einheiten an Fahrzeugen für weniger als 8.000 Euro im Jahr 2011 auf gut 25 Millionen Autos im Jahr 2030 steigen.

Nicht in den gesättigten Märkten von Europa und Nordamerika treibt das Billigauto bei der Motorisierung voran; vielmehr sind in den Schwellen- und Entwicklungsländer, die Zukunftsmärkte der Automobilindustrie zu finden. Und dort gibt es jetzt bereits die billigsten Fahrzeuge der Welt, die umgerechnet ab rund 2.000 Euro zu haben sind, wir unser Marktüberblick zeigt. Im Bild: der Bajaj RE 60.

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Platz 1: Unschlagbar im Preis ist der Nano BS III aus dem indischen Tata Motors-Konzern, zu dem inzwischen auch Jaguar, Land Rover und Rover gehören. Das viertürige Wägelchen hatte zwar seine Startschwierigkeiten in den vergangenen Jahren, doch der Titel des billigsten Autos der Welt ist ihm sicher. 141.898 indische Rupien oder umgerechnet 2.043 Euro kostet der Wagen. Von dem im Januar 2008 vorgestellten Auto wurden die ersten 100.000 Fahrzeuge zum Festpreis von nur 100.000 Rupien verkauft ...

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Ermöglicht wird der günstige Preis, wie bei vielen weiteren in dieser Bilderstrecke gezeigten Fahrzeugen hauptsächlich durch den Verzicht auf Komfortelemente wie Servolenkung, zweiter Seitenspiegel, Klimaanlage, Autoradio, oder elektrische Fensterheber, Verzicht auf einige Sicherheitstechnologien (Airbags, ABS), hoher Anteil an Kunststoff- statt Metallblechverarbeitung, und demzufolge geklebte statt geschweißter Chassis- und Karosserieverbindungen, sowie natürlich die geringen Arbeits- und Materialkosten in den Billig-Produktionsländern wie Indien ...

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Allerdings ist der Tata Nano bisher deutlich hinter seinen Verkaufszielen zurück geblieben.  Das eigens für den Nano gebaute Werk ist für 200.000 Fahrzeuge pro Jahr ausgelegt. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2011 wurden aber gerade mal  16.535 Fahrzeuge verkauft. Auf das Jahr 2012 hochgerechnet werden deutlich unter 50.000 Nano von Tata verkauft werden. Bisher ist der Tata Nano ein Flop, obwohl er fast für 40 Prozent der Pkw-Verkäufe von Tata steht.

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Platz 2 und 3: Nur wenig teurer als der Nano von Tata sind zwei Modelle des chinesischen Herstellers Jiangnan - Zotye. Der Alto Zotye (hier im Bild) kostet 18.800 Renminbi (CNY) bzw. umgerechnet 2.256 Euro, das Modell Jiangnan TT kommt auf 20.800 Renminbi bzw. 2.496 Euro.

Aus europäischer Sicht darf man das Design des Wagens sicher als nicht ganz auf der Höhe der Zeit bezeichnen. Zur Spezialität des erst 2005 gegründeten Unternehmens zählen Lizenznachbauten, wie die Namen Multipla und Alto in der Modellpalette bereits andeuten.

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Nur wenig teurer als der Nano von Tata sind zwei Modelle des chinesischen Herstellers Jiangnan - Zotye. Der Alto Zotye (hier im Bild) kostet 18.800 CNY bzw. umgerechnet 2.256 Euro, das Modell Jiangnan TT kommt auf 20.800 CNY bzw. 2.496 Euro.

Aus europäischer Sicht darf man das Design des Wagens sicher als nicht ganz auf der Höhe der Zeit bezeichnen. Zur Spezialität des erst 2005 gegründeten Unternehmens zählen Lizenznachbauten, wie die Namen Multipla und Alto in der Modellpalette bereits andeuten.

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Platz 4: Den Suzuki Maruti 800 gab es schon 1984, und damals sah er nicht viel anders aus als heute. Der Name täuscht ein wenig, das Motörchen ist 660 ccm groß. Immerhin gibts aber eine klassische Steilheckform mit großer Heckklappe, vier Türen, große Fenster und damit gute Rundumsicht. Das aktuelle Modell 800 Std BS III kostet umgerechnet 2.979 Euro - und wird wie die meisten Fahrzeuge der Konzern-Kooperation in Indien verkauft.

Das billigste Auto auf dem indischen Markt kommt übrigens für Sachdeva nicht in Frage: „Der Tata Nano ist ein schlechtes, enges, hässliches Auto - eine Schande“, redet sich der hagere Inder in Rage. Mit dem Urteil steht er wohl nicht allein. Der 2.000-Euro-Preisbrecher mit Minirädern, Knatter-Motor und Foltersitzen ist auch in Indien ein Flopp. Wer aufsteigt, will sich nicht im Billigauto zeigen.

Besser verstanden hat Hyundai, was die mehrere Hundert Millionen Menschen zählende Mittelschicht ersehnt: Solide Kleinwagen verschiedenster Art. Konventionell oder hochbauend, mit oder ohne Kofferraum, ultrakurz oder mit mehr Radstand.

Mehr als ein halbes Dutzend Modelle solcher Maße haben die Koreaner im Angebot. Den spartanischen Eon etwa oder den i20, der für Sachdeva schon als „luxuriöse Mittelklasse“ gilt. Ab 4.000 Euro ist ein Hyundai zu haben, für ärmere Landbewohner gibt’s Rabatt.

Auf Indiens Straßen ist nur eins gewiss - der Dauer-Stau Quelle: pw/SP-X

Auf Indiens Straßen ist nur eins gewiss - der Dauer-Stau

Ford zieht inzwischen mit dem Kleinwagen Figo nach und bietet auch den in Deutschland bekannten SUV Ecosport an, Honda kontert mit dem Amaze, Nissan mit dem „Go“ der Tochtermarke Datsun; 5.000 Euro – inklusive Klimaanlage.

Genau wie General Motors sucht VW dagegen noch nach dem Weg an die Spitze des Auto-Wunderlandes der Zukunft. Polo, Vento und Skoda Rapid sind dort für den Massenmarkt zu teuer, ein Mini-SUV genau wie eine Klein-Limousine unter neuer Billigflagge erst in der Entwicklung. 2016 soll der Absatz in stärkeren Schwung kommen. Dann sind vielleicht sogar 90.000 Verkäufe drin.

Die meisten Weltkonzerne müssen also noch dazulernen, um den Geschmack der Inder zu treffen. Ein paar Gespräche im Stau auf der Mahatma Gandhi Road könnten da schon weiterhelfen.

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